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Mein dunkler Geheimauftrag: Die Welt vor Dämonen bewahren

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Claudia (35)
(Name von der Redaktion geändert)

Wenn sie den falschen Joghurt kauft, tauchen sie auf: Dämonen. Das erste Mal als Claudia 12 oder 13 Jahre alt war. Da steckten die Dämonen in Passanten und ließen deren Köpfe um 180 Grad drehen. Sie ließ sich nichts anmerken, ging mit ihren Freunden weiter über den Weihnachtsmarkt.

Die Liste ist und war lang, warum Dämonen auftauchen. Aber sie tun es, wenn Claudia etwas falsch macht. Jeden Tag muss sie deshalb versuchen, die Geheimbotschaften zu entschlüsseln, die sie durch Stimmen oder durch in alltäglichen Dingen versteckte Nachrichten bekommt. Und mit den darin enthaltenen Informationen muss sie immer die richtige Entscheidung treffen, um damit die Welt und ihre Familie vor der Zerstörung zu retten.

Nur dann gab es den Schock: Was über 20 Jahre lang selbstverständlich war, ist eine chronische Psychose. Die Dämonen gibt es nicht wirklich, die Erde wird nicht zerstört, wenn sie mehr als vier Schlucke Wasser aus einem Glas nimmt und vergisst, ihre Schritte zu zählen. Doch erst mal wird alles schlimmer. Claudia bekommt Medikamente und sieht die Wände in Flammen stehen.

Etwa 10 der letzten 24 Monate verbringt sie in der Psychiatrie, dabei war vor Kurzem alles noch so normal gewesen. Sie arbeitete als Lehrerin, liebte ihren Beruf und war „nur“ wegen Depressionen zwei Jahre in einer Psychotherapie. Erst, als es ganz schlimm wurde, sie nicht mehr arbeiten konnte, stellte ein Arzt fest, dass sie unter einer chronischen Psychose leidet und sich Dinge vorstellt, die es nicht gibt. Jetzt verstehen Freunde und Familie auch, warum sie manche Dinge so komisch tut. Vorher war sie halt einfach nur ein arger Eigenbrötler.

Seit April 2014 nimmt sie keine Antipsychotika mehr, zu schwer waren die Nebenwirkungen. Nur noch Antidepressiva braucht sie, sie sind überlebenswichtig für sie, denn ohne sie kann sie nicht schlafen. Und wenn es ganz schlimm wird, hat sie ein Beruhigungsmittel.

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Das ist ein großer Fortschritt und nicht alle kommen innerhalb von zwei Jahren so weit, bei einigen Leidensgenossen aus den Selbsthilfegruppen, die Claudia besucht, erlebt sie Stillstand.

Heute immer an ihrer Seite und eine große Stütze ist ihr Lebensgefährte. Der fand aber ein Mal, dass sie zurück in die Psychiatrie müsste, weil er Star Wars nicht kannte. Aus Spaß hatte sie ihn so angesprochen, wie Darth Vader spricht und Dinge wie „Essen Du musst.“ in Joda-Manier zu ihm gesagt.

Über zwei Wochen ging das so, bis er sie zur Seite nahm und ihr sagte, dass sie vielleicht glauben würde, dass es ihr besser ging, aber dass es wieder ganz schlimm ist. Unvermittelt würde sie wie eine andere Person sprechen, neue Persönlichkeiten aus ihr herausbrechen und sie würde es nicht merken. Claudia ist irritiert, ängstlich. Fragt nach, hört von ihrem Freund, dass sie grammatikalisch unkorrekte Sätze bildet, und hat die Idee: Sie ahmt wieder Joda nach und fragt ihn, ob es das sei. Klärt ihn auf, dass es den Film Star Wars gibt. Dann liegen sie beide vor Lachen auf dem Boden.

„Allerdings bereue ich die ganze Zeit schon, dass er mich nicht zwangseingewiesen hat. Ich hätte gerne das Gesicht der Pfleger in der Notaufnahme gesehen.“

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kann man sich vorstellen, was für ein Schock es für sie ist, auf einer Cola-Flasche plötzlich ihren Namen zu lesen. Im ersten Impuls lässt sie die Flasche fallen, um sich dann daran zu machen herauszufinden, ob auch alle anderen um sie herum sehen, dass ihr Name da auf der Flasche steht. Was für den Cola-Hersteller ein Marketinggag war, als sie unzählige Namen auf Flaschenetiketten druckte, kann für Menschen wie Claudia eine versteckte Geheimbotschaft sein.

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Bei allem Humor, den sie inzwischen hat, bleibt eine ganz schlimme Frage und das Schlimmste steht ihr vielleicht noch bevor. Claudia versteht inzwischen, das ihr Kopf das alles mit ihr macht, ihr Verstand weiß, dass sie krank ist. Sie weiß aber auch, dass ihr Kopf einen Grund hat, das zu tun. Er beschäftigt sie mit Wahnvorstellungen, Stimmen, Halluzinationen, weil es etwas noch viel Schlimmeres gibt, vor dem ihr Kopf sie beschützen will. Es gibt eine viel schlimmere Erfahrung, die sie nicht an sich heranlassen kann.

Ende 2013 tauchen die ersten Bruchstücke von Erinnerungen auf. Etwas in ihrer Kindheit ist passiert, was sie so schwer traumatisiert hat, dass Dämonen besser sind als die Wahrheit oder Realität. Langsam kann sie sich diesen Bildern stellen, aber noch lange nicht ganz. Vielleicht wird sie in eine spezielle Trauma-Klinik dafür gehen müssen.

Sie weiß auch nicht, ob sie jemals so weit sein wird. Trotzdem hat es etwas Positives. „In der Psychiatrie habe ich gelernt, dass nicht alles perfekt ist“ und gleichzeitig hat sie in dieser Zeit „den Kickstart zum Vertrauen in mich selbst bekommen.“

Jetzt möchte sie, dass andere, denen es vielleicht ebenso geht, davon lesen und wissen, dass sie nicht alleine sind. Deshalb wendet sie sich an uns, den Psychothriller.Club, als sie liest, dass wir Eure Geschichten erzählen möchten. Denn den Club kennt sie durch Darkside-Park. Die Hörbücher hört sie, um die Stimmen in ihrem Kopf zu übertönen und sich zu beruhigen, wenn der Druck wieder ganz groß wird. Aber Horror und Dämonen, nein, das kann sie nicht hören, lesen oder sehen. Und dann erzählt sie von ihren Dämonen und ihrem Kampf.

Für mich ist das nicht immer einfach zu hören. Nach dem Interview hoffe ich einfach nur, dass es okay für sie war, das zu erzählen. Denn Stress verstärkt ihre Krankheit und vielleicht war das jetzt schon zu viel? Als ich den Text fertig habe und ihr schicke, um ihr Okay zu bekommen, ist ein paar Tage Funkstille. Alles ist offen und der Gedanke taucht auf, dass ich nie wieder etwas von ihr hören könnte. Hatte sie einen Schub und kann nicht antworten? Habe ich etwas geschrieben, was sie als Geheimbotschaft deutet? Kann sie ihre Geschichte vielleicht nicht lesen?

Dann kommt die Antwort, sie findet sich in dem Geschriebenen wieder und ist froh, dass es raus ist. Raus ist aber nicht weg und so bleiben wir vom Psychothriller.Club mit einem zwiespältigen Gefühl zurück. Wir sind dankbar, dass sie so offen erzählt hat und haben einen riesen Respekt für dieses Schicksal. Trotzdem können wir nur hoffen, dass es ihr jeden Tag ein bisschen besser geht und unser Text nicht doch noch zu einer Geheimbotschaft wird …

Text: Anna Thur
Foto: Shutterstock, Eugenio Marongiu

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