Magazin von Psychothriller GmbH

Mein dunkles Geheimnis: Morgens Krawatte, abends Krawall

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Wenn er eine Wasserflasche vom Konferenztisch nimmt und sein Ärmel ein wenig nach oben rutscht, ist die düstere Farbe zu sehen, die mit Nadeln in seinen Arm gezeichnet ist. Todd, der Marketing-Profi, hat ein dunkles Geheimnis: sein Hobby. Deshalb verabrede ich mich mit ihm zu einem Interview für den Psychothriller-Club. Ich weiß nur, dass er in einer Hardcore Band spielt – Musik, bei der sich laut YouTube-Videos das Publikum wild herumschubst und der Sänger tief ins Mikrofon röhrt, oder schreit. Die Liedtexte wütend und dreckig. Zu krass für ein kleines Kind, doch Todd ist nicht nur gelegentlich nach London pendelnder Businessman und Musiker, sondern auch Papa und sein achtjähriger Sohn ist verdammt stolz auf ihn.

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Warum auch nicht, er geht halt nur montagabends zum Proben, packt seine Tasche und verschwindet so, wie andere Väter zum Sport verschwinden. Als er das sagt, habe ich zwar immer noch meine eigenen Hardcore-Erfahrungen im Kopf, aber bei Todd wundert es mich nicht. Wie soll es auch, denn den ersten großen Schock hatte ich schon, als wir uns für das Interview verabreden: Todd ist unglaublich nett.

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„Wir sind halt nicht so Szene-Typen“, sondern die vier Jungs machen die Musik einfach aus Spaß. Sicher mit dem links-politischen Hintergrund und weltkritischen Aussagen, die zum Hardcore einfach dazugehören.

Und warum ist das alles so? Sie mögen halt keine Extreme und brechen ein Konzert ab, wenn das Pogen zu heftig wird. Im Grunde ging es beim Hardcore doch von Anfang an vor allem um Gemeinschaft und Freundschaft, Außenseiter, die sich zusammentun. Aber das ist nicht alles. Todd erzählt, dass er, seitdem er mit 17 mit Musikmachen angefangen hat, zwar immer eine Band hatte. Trotzdem wusste er, dass er mit etwas anderem sein Brot verdienen muss. Das hat er getan, erst als Schreiner und am Fließband. Nach einem Beschluss es noch mal so richtig anzupacken, holt er sein Fachabitur nach, studiert und arbeitet jetzt im Marketing. Mit seinen Kollegen spricht er nicht darüber, wenn es sich nicht ergibt. Manche waren zwar auch schon auf seinen Konzerten und fanden das ganz lustig. Aber die meisten haben dazu keine Verbindung und dann stupst er sie auch nicht darauf. Sein „dunkles Hobby“ verheimlichen? Nein, das tut er nicht.

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Insgesamt scheint er mit einer von Grund auf bodenständigen Haltung durch die Welt zu gehen. Allüren kennt er nicht. Wenn es Backstage Essen gibt, was er nicht mag, isst er halt nicht oder geht zur nächsten Dönerbude. Warum auch, sagt er, soll er sich über Zwiebeln und Tomaten beschweren, wenn die anderen aus der Band die doch essen und bloß er sie nicht mag.

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„Ich bin überrascht“, sagt er, „dass man immer nur in Kategorien denken darf“ und „neben Schwarz und Weiß gibt es doch auch Grau.“ Das sind zwei Sätze, die mehr als alles andere zum ihm passen. Am Ende denke ich lange darüber nach, warum jemand, der so grundsätzlich friedlich denkt und lebt so krasse Musik macht. Es wirkt wie ein Widerspruch. Ist es aber vielleicht nicht mehr, wenn man bei einem Konzert alles rausgebrüllt hat, was man so zu brüllen hatte und das Heftigste, was ihn zu bewegen scheint, ist: „Viele Leute sind so undankbar.“

Das ist Todds Band „47 Million Dollars“:
Trotz englischem Namen singen sie auf Deutsch. Das war schon zur Bandgründung durch Todd und Alex Beschluss und ist so geblieben. Aktuell hat die Band vier Mitglieder und spielt 20 bis 40 Shows pro Jahr in ganz Europa. Die aktuellen Termine sind auf ihrer Internetseite zu finden:

http://www.carnicore.de
http://www.facebook.com/47milliondollars
http://twitter.com/47MioDollars

Das ist „47 Million Dollars“-Hardcore:
Auch wenn sich die Bandmitglieder nicht als Hardcore-Punker verstehen, so liegen die Wurzeln der Musik, die sie machen, im Hardcore-Punk. Das war eine Weiterentwicklung des Punkrocks in den 1970er Jahren. „47 Million Dollars“ Musik baut vor allem auf Old-School-Hardcore mit Metall-Riffs, Breakdowns und Singalongs. Und in manchen Songs kommt es vor, dass sie mit schneidenden zweistimmigen Gitarren und brutalen Moshparts beginnen, um dann mit hymnenhaften Chören zu enden.


Text: Anna Thur
Fotos: Anett Schulz Blubrumfisch

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