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Benjamin Blümchen und der Profikiller: Jürgen Kluckert

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Jürgen Kluckert

Als ich anfange über Jürgen Kluckert zu recherchieren, ist ein Kinderstar sehr präsent und sehr groß: Seit 1994 spricht und singt Kluckert als Benjamin Blümchen für Hörspiele, Gute-Nacht-Geschichten, Filme, Fernsehen und Musik-CDs. Die Frage steht im Raum, was für ein Mensch der Sprecher eines solchen Kinderlieblings ist und ob er als Erwachsener einen Ausgleich braucht. Vielleicht liest er Thriller, lebt eine dunkle Seite. Aber je näher man sich an Jürgen Kluckert heranbewegt, desto mehr Facetten tauchen auf. Desto klarer wird, dass er unglaublich viel gemacht hat.

Nach seinem Studium an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin spielt er am Thüringer Landestheater in Eisenach. Und wie er selbst sagt: In der Provinz spielt man alles. Jeden Abend ein anderes Stück. Drei Jahre lang. Dann geht es wieder nach Berlin, zum Maxim Gorki Theater, wo er zwölf Jahre bleibt. Es gibt ein Buch über die Premieren des Gorki-Theaters in den 1970er und 80er Jahren, bei fast allen Stücken, die darin sind, war er dabei.

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Heute synchronisiert er Filme und Serien, macht Hörbücher und Hörspiele, steht vor der Kamera. Alleine die Sprech-Rollen sind alle sehr unterschiedlich. Benjamin Blümchen ist nur ein Teil des Ganzen. Er ist Präsident Snow in „Die Tribute von Panem“, Morgan Freeman als Profikiller an der Seite von Bruce Willis in „R.E.D.“ oder der Maure neben Kevin Costner in „Robin Hood – König der Diebe“, die deutsche Stimme von Chuck Norris, spricht in „Transformers“, „Independence Day“ und ist der Räuber-Papa Mattis in Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“.

Schauspieler müssen sich oft in Rollen einfinden, beim Synchronisieren und Sprechen ist das auch so, aber die Haltungen sind durch den Originalschauspieler vorgegeben. Deshalb ist es nicht so wichtig, ob er gerade Stephen King liest oder Rosamunde Pilcher macht. Außerdem kann er nach einem Job die Sache schnell abhaken. Und sogar zu Hause im Alltag, lacht er, ist das so. Wenn wir da zum Beispiel alle zusammensitzen und ich merke, dass mich die Diskussion nicht interessiert, kann ich prima abschalten, erzählt er. Dann gibt es hinterher manchmal arge Verwunderung: Das haben wir doch besprochen, da warst du doch dabei, wird er dann gefragt. Aber so ist das eben. Er kann das.

Am Theater zum Beispiel, wenn du jeden Abend eine andere Rolle spielst, da stehst du morgens auf, stellst dich den Tag über darauf ein, was abends kommt. Manchmal probst du zwischendurch auch noch ein neues Stück. Dann gehst du in die Maske, machst dich fertig und dann bist du auf der Bühne diese Rolle. Dann gehst du nach Hause. Am nächsten Morgen stellst du dich auf das nächste Stück ein. Und wenn die letzte Vorstellung war, dann ist bei ihm auch die Rolle raus. „An einige Rollen, die ich gespielt habe, kann ich mich gar nicht mehr erinnern.“ Andere können noch Monologe aus ihren alten Stücken zitieren, er macht so was nicht.

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Aber was ist mit Angst und Horror, zum Beispiel wenn er Stephen King liest, es als Hörbuch gemacht wird? Muss man nicht Angst spielen? Muss man da nicht doch nachfühlen, aus der eigenen Erfahrung schöpfen? Ja, meint er, aber den Rest macht der Autor: Der schreibt rein, was passieren soll und ich spiele es dann, mehr nicht. Und beim Synchronisieren ist es ja auch vorgegeben. Da sieht man den Film vor sich, der Schauspieler hat ja schon die Rolle interpretiert, da ist noch das Synchronbuch und du sprichst es. Beim Synchronisieren gibt es keine langen Vorbereitungen oder Ausdeutungen. Und Stephen King ist ja oft auch ganz langweilig. Es kommt einem manchmal so vor, als hätte man das schon in anderen seiner Bücher gelesen. Da ist es manchmal besser, dass man es nicht vorher gelesen hat.

Trotzdem klingen zwei dunkle Dinge aus seinem Privatleben an. „Meine Frau soll bitte NICHT vor mir sterben“, sie ist mein Ein und Alles, ohne sie ist es furchtbar. „Sie ist einfach Bombe.“ Und bei der Frage nach einem Beispiel erinnert er sich spontan an ein Frühstück, vor Kurzem, da war sie, die Cutterin, arbeiten und er alleine zuhause. Das hat doch einfach keinen Spaß gemacht und da hab ich es gelassen. Ich geh dann halt auch arbeiten, ohne Frühstück. „Aber am liebsten nehme ich sie mit. Ich kann sie ja auch nicht alleine lassen, nicht dass sie sich einen anderen sucht“ – lacht er plötzlich und relativiert, was er vorher so ernst an Verzweiflung gespielt hat.

Die zweite dunkle Sache liegt inzwischen weit in der Vergangenheit. Es ist der Augenblick, als er gerade auf dem Bahnsteig steht, um in den Westen zu fliehen und hofft, dass niemand ihn anspricht. Er hat zwar eine Besuchserlaubnis für den Westen, aber wenn er kontrolliert wird und jemand seine Taschen durchwühlt, würde sofort klar werden, dass er nicht nur auf einen Besuch in den Westen wollte: Er hat in seinem Koffer nur wenige Klamotten, dafür aber alle seine Zeugnisse und Urkunden.

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Und dabei ist er gerade eben noch ganz taff durch die Grenzkontrolle gewandert. Er hat ja noch „einen im Tee“, von der Abschiedsfeier mit seinem besten Freund in der Nacht zuvor und das hat ihn gelöst. Auf dem Bahnsteig dann aber sieht er die Soldaten mit der Kalaschnikow in der Hand. Die S-Bahn braucht länger, als ihm lieb ist. Erst steht er minutenlang und wartet, bis die S-Bahn kommt. Dann ist sie da, der Fahrer muss aber noch aussteigen, den ganzen langen Bahnsteig hintergehen, um vorne einzusteigen und weiterzufahren. Da ist es plötzlich doch ganz schön viel. Er überlegt krampfhaft, beschließt einfach immer nur in alle Richtungen zu lächeln. Der verräterische Schweiß fängt an, einfach nur so zu fließen, er nimmt ein Tuch und hält es sich die ganze Zeit an die Stirn, während er immer weiter in alle Richtungen lächelt.

Es klappt, er hat Glück und ist raus aus der DDR. Kann zu seinem Vater, der gerade einen Schlaganfall hatte. Er freut sich, dass es mit der Besuchserlaubnis, die sein Flucht-Ticket wurde, noch in letzter Minute geklappt hat. Erst wollten ihn die Behörden nicht gehen lassen und einen anderen Weg, zum Beispiel über die Grenze zu schwimmen, gab es für ihn nicht. „Dafür war ich nicht sportlich genug. Und zu feige.“

Die kommenden acht Wochen ist er arbeitslos, im Übrigen die einzige Leerlauf-Zeit in seinem Leben. Die meisten Schauspieler sind doch öfter mal arbeitslos. So war das bei ihm nicht. Auch im Westen findet er schnell Anschluss, auch wenn „die nicht auf mich gewartet haben“. Nach diesen acht Wochen steht er wieder auf der Bühne, geht auf Tournee, spielt für den Tatort und mit Dieter Hallervorden. Schließlich macht er immer mehr Synchronisation, später auch als Synchron-Regisseur zum Beispiel für die Serie „Charmed“ und die Sixx-Serie „Heart of Dixie“. Das gibt ihm Sicherheit und die Möglichkeit, Zeit für seine Familie zu haben, die Ferien mit ihnen zu verbringen. Das wird er auch dieses Jahr zu Weihnachten und an seinem Geburtstag tun. Mit Frau und einem Sohn fährt er in die Sonne und feiert seinen 71. Geburtstag.

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Danach geht es gleich weiter mit der Arbeit. Ans Aufhören ist bei ihm nicht zu denken, dafür liebt er seine Arbeit viel zu sehr. Er hat noch Pläne, möchte gerne mal auf dem „Traumschiff“ spielen, Theater machen und und und. Solange er seine zwei Frauen an seiner Seite hat, ist alles gut: Das sind seine große Liebe Ehefrau Uschi und dann gibt es da noch Sandra Lübbering, seine Disponentin. Sie macht die Termine für ihn und koordiniert, wann er wo sein muss. Denn manchmal da muss er am Dienstag erst in den einen Stadtteil von Berlin zwei Stunden die eine Rolle sprechen und dann quer durch die Stadt zum anderen Studio, die zweite Rolle einsprechen. Mittwoch bspw. sind dann zwei andere Studios dran. „Die sind ja alle sonst wo.“ Und immer, wenn es weiter weg geht, zum Beispiel zum Dreh nach Cornwall, kommt Uschi mit.

Aber was macht denn nun jemand, der so unterschiedliche Rollen spielt, in seiner Freizeit? Außer dem Reisen zum Beispiel – immer wieder nach Wien, auf eine Sachertorte oder nach London, in die „wunderschöne, kleine Stadt“, wie er sie amüsiert nennt. Er hört sich definitiv nicht seine Hörbücher an, denn nach Feierabend kann er sich nicht hören. Deshalb ist Fernsehen auch schwierig, seine Stimme taucht immer mal wieder auf und ansonsten findet er es sowieso schwierig, sich Synchronisiertes anzusehen, denn da kommt er sich vor, als wäre er auf der Arbeit. Seine Frau und er gehen ins Theater. Das Renaissance-Theater in Berlin hat es ihnen besonders angetan. Da gibt es das Stück „Ewig jung“, das haben sie inzwischen drei Mal gesehen. „Die jungen Leute sind mit Porsche-Fahren beschäftigt“, lacht er und er geht halt eben ins Theater oder ganz schockierend: ins Musical.

Text: Anna Thur
Foto: Rainer Raschewski

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