Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 1

Lennard Fanlay

Gate C 33. Der letzte Flug des Tages. Beijing Airlines nach Shanghai. Die Transitbereiche der anderen Terminals sind bereits geschlossen. Die Mittelachse, der kilometerlange Gang, der tagsüber die Gates miteinander verbindet, liegt im Dämmerlicht der Nachtbeleuchtung. An der Grenze zu Terminal 2 wird sie durch eine verschiebbare Glaswand unterbrochen. Hier passiert heute nichts mehr. Nur C33 ist noch nicht zur Ruhe gekommen.
Es ist kurz vor halb eins. Das Boarding verzögert sich seit einer halben Stunde, weil der Sitz des Co-Piloten ausgetauscht werden muss. Die Stimmung im Gate ist angespannt, besonders unter den Krawattenträgern. Man befürchtet, der Flug könne storniert werden. Man hat wichtige Termine am nächsten Morgen in einer anderen Zeitzone.
Ich lehne etwas abseits an einem der Pfeiler und warte darauf, dass auch mein Bereich endlich geschlossen werden kann. Wie ein Restaurantbesitzer, der nach einem langen Tag darauf wartet, dass seine letzten Gäste gehen, damit er den Laden zuschließen kann.
Ich hole das Handy aus der Hosentasche und überlege, Kim anzurufen. Sie ist bei einer Freundin in Idaho. Um etwas Abstand zu gewinnen, wie sie sagte. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet soll und noch weniger weiß ich, ob mir das gefällt. Es ist spät. Kurz vor halb eins. In Idaho ist es vielleicht sogar schon eine Stunde später. Ich wähle Kims Nummer. Mein Anruf wird direkt zu ihrer Mailbox weitergeleitet. Wahrscheinlich ist ihr Akku mal wieder leer.
Auf der Mittelachse schiebt sich eine der großen Reinigungsmaschinen über die matt glänzenden Fliesen. Ich versuche zu erkennen, ob Kenny am Steuer sitzt, doch die Maschine ist zu weit entfernt.
Ein mehrstimmiges Surren kündigt Nachzügler an. Zwei asiatische Männer mit Pilotenuniformen und Handgepäck-Trolleys. Sie steuern auf den Gate-Schalter zu. Anscheinend ist der Sitz inzwischen ausgewechselt worden. Die Piloten verschwinden in der Schleuse. Kurz darauf verkünden die Bildschirme im Gate die frohe Botschaft: Bereit zum Boarding.
In Sekundenschnelle bildet sich eine akkurate Schlange vor dem Gate-Schalter. Geschäftsmänner mit Terminen in Übersee sind die diszipliniertesten Reisenden, die man sich vorstellen kann. Auch die wenigen Urlauber sind glücklich, dass es nun endlich losgeht.
Ein auffallend großer, junger Mann bleibt allein auf einer der Wartebänke zurück. Sein Anzug ist hell und aus Leinen, die Krawatte fehlt. Die abgewetzte Ledertasche neben ihm passt nicht so recht in das Bild eines typischen Geschäftsmanns. Genauso wenig wie der schwarze, schlichte Haarreif und die blonden Locken, die glänzen, als hätte er sie mit Bratenfett frisiert. Soll wahrscheinlich aussehen, wie bei einem europäischen Fußballspieler. Tut es aber nicht.
Anstatt sich anzustellen, schaut der junge Mann sich suchend um. Als sein Blick auf mich fällt, springt er plötzlich auf und kommt mit schnellen Schritten näher.
„Sie sind Mr. Fanlay?“, flüstert er und beugt sich zu mir hinunter. „Der Sicherheitschef.“
Ich nicke und versuche, etwas Abstand zwischen uns zu bringen, was sich aufgrund des Pfeilers in meinem Rücken als schwierig gestaltet.
„Sie müssen verhindern, dass das Flugzeug startet!“
Sein Atem riecht nach Kaffee und Magensäure. Nicht nur aufgrund des Geruchs fühle ich mich in die Enge getrieben, also verschaffe ich mir mit einer Hand auf seiner Schulter etwas Platz zum Durchatmen.
„Warum sollte ich das tun?“
„Weil …“, beginnt er und muss sich augenscheinlich zurückhalten, um mir nicht gleich wieder auf die Pelle zu rücken. „Weil … Es befindet sich eine Bombe an Bord!“
Dieses Wort mit den fünf Buchstaben, dieses Wort mit den zwei Bs ändert die Situation von Grund auf. Laut ausgesprochen in einem beliebigen Flughafen der Vereinigten Staaten setzt es unwiderruflich eine ganze Reihe von Reaktionen in Gang, die für alle Beteiligten zumeist höchst unerfreuliche Folgen haben.
„Ich hoffe für Sie, dass das kein Scherz ist“, sage ich, weil es noch immer Spinner gibt, die einfach nicht wahrhaben wollen, welche Wirkung das Wort mit den zwei Bs hat.
Der junge Mann schüttelt den Kopf. Seine Stirn glänzt im Deckenlicht als hätte er auch sie eingefettet.
„Woher wissen Sie davon?“, frage ich und hole mein Handy heraus, weil es jetzt sowieso kein Zurück mehr gibt.
„Ich habe es gehört.“ Er beugt sich wieder zu mir hinunter. „Die Piloten haben darüber gesprochen, bevor sie an Bord gingen.“
Er zeigt in Richtung der Schleuse. Die Schlange davor ist beinahe verschwunden.
„Was genau haben Sie gehört?“
„Ich … ich hab nicht alles verstanden. Mein Mandarin ist gut, aber nicht perfekt.“ Er starrt mich mit großen Augen an. „Doch bei einem Satz, bei einem Satz bin ich mir ganz sicher: Ist die Bombe an ihrem Platz? Das hat der größere Pilot den anderen gefragt.“
Ich schätze die Entfernung zwischen dem Platz, auf dem der junge, aufgeregte Mann gerade eben noch gesessen hat, und dem Laufweg der Piloten ab. Mindestens fünf, sechs Meter. Vielleicht sogar noch mehr.
„Sie könnten sich verhört haben“, sage ich.
„Ich kann‘s beweisen.“
Seine Hand gleitet in sein Jackett.
Reflexartig packe ich seinen Unterarm. „Ganz langsam!“
Ich drücke zu, damit er versteht, dass es mir ernst ist.
Die Hand noch immer in der Innentasche, glotzt er mich verständnislos an. „Ich hab‘s aufgenommen! Mit meinem Handy! Ich habe das Gespräch aufgezeichnet.“
Obwohl wir uns im Transitbereich befinden, und er mindestens einen Körperscanner durchlaufen musste, um hierher zu gelangen, läge er schon längst vor Elektroschocks zuckend am Boden, hätte er dieselbe Show mit einem TSA-Beamten durchgezogen.
„Sie können es sich selbst anhören, wenn Sie mir nicht glauben!“, zischt er stattdessen und weiß wahrscheinlich gar nicht, was für ein Glück er hat.
„Mein Chinesisch ist etwas eingerostet“, entgegne ich, doch der Junge hat seinen Sinn für Humor leider bereits ausgeschwitzt.
„Dann holen Sie einen Dolmetscher!“
Vielleicht ist er wirklich nur ein Spinner. Spinner sind meist schwer zu erkennen, weil es so viele unterschiedliche Arten von ihnen gibt. Doch die Angst in seinen Augen ist echt.
„Ich flehe Sie an: Diese Maschine darf nicht starten!“
Ich nicke und wähle die erste von insgesamt drei Telefonnummern.
Es werden kurze Gespräche. Uns bleibt keine Zeit für lange Erklärungen.
Das Wort mit den zwei Bs macht sie ohnehin überflüssig.

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