Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 2

Karen Donell

„Das ist absolut inakzeptabel.“
Mr. Marquez schüttelt den Kopf.
„Inakzeptabel“, sagt er noch einmal und betont dabei jede Silbe einzeln. „Das Airport-Hotel hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch den höchsten Ansprüchen gerecht zu werden.“
Er lehnt sich zurück. Die Sitzfläche seines Bürosessels ist so hoch ist, dass seine Füße in der Luft baumeln. Wie ein kleiner Junge, der am Vater-Sohn-Tag einen unbeobachteten Augenblick lang Chef spielt. Leider dauert dieser Moment bereits 14 Monate an.
„Derartige Schlampigkeiten können wir uns einfach nicht erlauben!“, fährt Mr. Marquez fort und hebt vor Empörung sogar seinen Zeigefinger, was nur sehr selten passiert, da er sich für seine kleinen Hände schämt.
Alles hier ist zu groß für ihn: der Schreibtisch, das Büro, die Verantwortung. Nur der Anzug sitzt perfekt. Maßgeschneidert. Als Schicht-Manager kann er es sich leisten.
„Ich hatte gehofft, dass Sie das inzwischen verstanden haben.“ Er räuspert sich und faltet seine Kinderhände vor einer silbergrauen Weste. „Karen …“
Mein Blick löst sich von den großen goldfarbenen Knöpfen.
„Ich hatte gehofft, dass wir dieses Gespräch nicht noch einmal führen müssten“, verkündet der Mund mit dem dünnen Bartkranz. Die Augenbrauen, die kaum dicker als der Bartkranz sind, rutschen nach oben und schaffen Raum für eine kurze Stille. Ob sie dazu dient, mich zu Wort kommen zu lassen, ist schwer einzuschätzen.
Ich versuche es trotzdem. „Mr. Marquez, das Problem hierbei ist –“
Sofort schnellt das kleine Männchen in seinem viel zu großen Sessel nach vorne und erklärt mir, was das Problem ist.
„Die Rezeption war schon wieder nicht besetzt! Über fünfzehn Minuten lang! Die Rezeption muss immer besetzt sein. Auch nachts!“
„Mrs. Miller aus Zimmer 213 hatte einen Migräneanfall –“, setze ich an, doch Marquez interessiert sich mehr für Zahlen als für Menschen.
„Fünfzehn Minuten!“
„Und bat mich, ihr Kopfschmerztabletten hinaufzubringen“, bringe ich den Satz zu Ende.
„Nein“, entgegnet er und schafft es tatsächlich, mich aus der Bahn zu werfen.
„Wie meinen Sie das? Nein?“, frage ich irritiert.
„Das ist nicht der Grund, Karen“, stellt Mr. Marquez fest.
„Aber ich habe Ihnen doch gerade –“
„Der wahre Grund ist, dass Sie ein Problem mit Autoritäten haben.“
Mr. Marquez‘ Augenbrauen gehen erneut auf die Reise, der Bartkranz wird zum Oval. Sein Gesicht sagt: Das ist schade, aber es ist leider nun mal so.
„Ich finde das nicht fair“, sage ich.
„Fair“, wiederholt er, als würde er das Wort zum ersten Mal hören, und beginnt, unruhig in seinem Sessel hin- und herzurutschen, als wäre ihm dessen Größe gerade erst bewusst geworden.
„Fair …“, sagt er noch einmal.
Ich erkenne die Zeichen und versuche zu retten, was zu retten ist.
„Wir sind ganz einfach unterbesetzt.“
Doch es ist zu spät.
„Ich sage Ihnen einmal, was nicht fair ist!“, keift das Männchen in dem silbergrauen Dreiteiler. Seine Stimme schraubt sich gefährlich in die Höhe. „Nicht fair ist, dass die Servicebeurteilung vor der Tür steht! Nicht fair ist, dass wir morgen einen der mächtigsten Männer Birmas erwarten, und Sie es trotz allem nicht für nötig halten, die einfachsten Anweisungen zu befolgen! Und das, obwohl wir uns sogar den Luxus leisten, zwei“, Zeige- und Mittelfinger stechen in die Luft, „zwei Nacht-Rezeptionisten zu beschäftigen! Wo ist Henry überhaupt? Wofür bezahle ich diesen Kerl eigentlich?“
Selbstverständlich ist es nicht Mr. Marquez, der unser Gehalt bezahlt. Er ist nur der Nacht-Manager, der unter dem Tages-Manager, der unter dem Geschäftsführer steht. Doch ich entscheide mich für die geringfügig diplomatischere Antwort.
„Henry sorgt dafür, dass die Rezeption besetzt ist, während ich bei Ihnen bin.“
Mr. Marquez‘ Stimme erreicht Regionen, die Hunde zum Jaulen bringen. „So kann ich kein Hotel führen! Wie stellen Sie sich das vor, Karen? Wie soll ich … Ich meine …“ Er stockt. „Man kann doch nicht von mir erwarten … Karen, ernsthaft!“
Er schaut mich an. Sein Blick bettelt um Zustimmung. Dann schlägt er die Hände vors Gesicht.
Ich stehe auf, weil ich weiß, was nun folgt. 14 Monate können eine lange Zeit sein.
Bis zur Tür sind es nicht mehr als vier Schritte. Trotzdem höre ich noch den ersten Schluchzer. Den ersten von vielen.
Beim Fahrstuhl fällt die Anspannung von mir ab und mir wird kurz schwindelig, doch bereits als die Kabine nach unten gleitet, ist es wieder vorbei.
Alles wird gut, sage ich zu mir.
Immer wieder.
Alles wird gut.
Henry wartet schon auf mich. Er schwitzt noch mehr als sonst.
„Was wollte er?“
„Das Übliche“, sage ich, weil mir keine passendere Beschreibung für diesen Wahnsinn einfällt.
Henry folgt mir.
„Ich habe ihn gesehen“, raunt er dicht neben meinem Ohr. „Karen, ich habe ihn gesehen!“ Seinem Tonfall nach zu urteilen, könnte er auch den Antichrist meinen. „Du musst es mir sagen.“
Wir bleiben stehen. Ein feiner Hauch von Zwiebelsuppe liegt in der Luft.
Henry starrt mich aus rotgeränderten Augen heraus an. Der Fleck auf seinem Revers ist ebenfalls rot, jedoch zwei Töne dunkler.
„Schmeißt er mich raus?“, fragt Henry.
Ich starre auf sein Revers. Wahrscheinlich getrockneter Ketchup. „Er schmeißt dich nicht raus. Er …“ Ich suche nach aufmunternden Worten und lande bei: „Es ist alles in Ordnung, okay?“
„Ich muss es wissen!“, sagt er und geht zur Schnappatmung über. „Bin ich meinen Job los?“
„Henry, schau auf meine Lippen: Du bist nicht gefeuert. Okay?“
Er nickt. Das Schnaufen wird leiser.
„Denk doch mal nach. Warum sollte Mr. Marquez mich in sein Büro rufen, wenn er dich feuern will?“
Henrys Augen weiten sich wieder. „Hat er dich etwa rausgeworfen?“
„Nein, verdammt, niemand wurde rausgeworfen!“, sage ich viel zu laut, doch zum Glück ist die Lobby außer uns beiden leer. Nur Henry zuckt zusammen.
Ich schüttele den Kopf. „Tut mir leid …“
„Schon gut“, sagt Henry.
Mein Blick fällt auf die Uhr über der Rezeption. Null Uhr einundvierzig. Viel zu früh, um schon die Nerven zu verlieren. Die Nacht ist noch lang.
Ich schaue auf den verwaisten Empfangstresen, dorthin, wo jetzt eigentlich Henry stehen sollte, um unsere Gäste mit einem verbindlichen Lächeln zu begrüßen und sage: „Es ist alles in Ordnung. Mach dir bitte keine Sorgen.“
Es klingt erstaunlich überzeugend.
„Lieb, dass du das sagst.“ Henry schlägt die Augen nieder. „Aber wir wissen beide, dass es nicht stimmt. Nichts ist in Ordnung.“
Er streicht über sein Jackett. Die Falten bleiben.
„Du solltest dir etwas anderes suchen, Karen. Du bist noch jung. Mach nicht denselben Fehler wie ich. Dieses Hotel ist ein … ein Monster! Es frisst dich mit Haut und Haaren!“
„Ist schon gut, Henry.“ Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter. „Ist schon gut.“
Gemeinsam gehen wir zur Rezeption.
„Ist der Präsentkorb schon da?“, wechsele ich das Thema.
Henry schaut mich nur fragend an.
„Für Mr. Khin“, sage ich. „Steht doch alles im Plan. Zimmer 407. Das ist doch schon seit gestern vorbereitet. Der Servicewagen steht bereits drin, Eiskühler mit Champagner und Präsentkorb fehlen noch.“
Henry verzieht das Gesicht und sieht plötzlich aus, als müsse er ein Schluchzen zurückkämpfen. „Siehst du? Siehst du das? Ich bin ein Wrack!“
Er beginnt zu zittern, und ich sage schnell: „Hol dir erst mal einen Kaffee, ich kümmere mich um den Korb“, während ich in Gedanken bereits die Personen durchgehe, die mir um diese Uhrzeit noch einen Präsentkorb im oberen Preissegment besorgen können. Die Liste ist kurz, aber die der Alternativen noch kürzer. Die Stark Foundation hat auf einen Präsentkorb für Mr. Khin bestanden. Mr. Khin liebe Geschenke.
Henry murmelt noch etwas und schlurft dann Richtung Hotelbar. Von hinten sieht er aus wie ein alter Mann.
Auf der anderen Seite der Lobby öffnet sich die breite Glastür, die zur Straße hinausführt, und ich beeile mich, hinter die Rezeption zu kommen. Die Nacht hat gerade erst begonnen.

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