Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 3

Duane Parker

Ich schrumpfe. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme.
Ich habe es nachgemessen. Den ersten Zentimeter verliere ich bereits, wenn die Tür ins Schloss fällt. Zwei weitere am Treppenlift. Der Rest folgt oben im Arbeitszimmer, wenn ich das Jackett ausziehe und meine Dienstwaffe samt Holster in den Safe lege.
Weiß nicht, was ich davon halten soll.
Der Raum ist viel zu klein für all die Papiere und Aktenordner. Der Schreibtisch verschwindet unter ihnen. Irgendwo in der Tiefe keucht ein Laptop. Der Quartalsbericht ist noch immer nicht fertig. Die Homeland Security wartet bereits seit einer Woche auf die Zahlen. Außerdem hat Agent Myers heute zum dritten Mal angerufen. Es ging mal wieder um die verschwundenen Beweismittel. Er fordert eine interne Untersuchung. Wegen zwei verloren gegangener Pakete. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte.
Eine kleine Uhr leuchtet zwischen den Papierbergen hindurch. Null Uhr neunundvierzig.
Ich wollte früher nach Hause kommen. Wie jeden Tag. Dieses Mal war es die Einführung des Pre-Screenings. Wie die drei Wochen zuvor auch.
Ich lösche das Licht wieder und gehe hinaus. Im Schlafzimmer höre ich Ellies Atem. Ruhig und gleichmäßig. Sie liegt auf dem Rücken. Ihre Arme sind ausgebreitet, als wolle sie die ganze Welt umarmen. Ihr Kopf ruht auf meinem Kissen. Wie früher. Manche Dinge ändern sich nicht.
Der Türspalt von Loreenas Zimmer ist schwarz. Ich widerstehe dem Drang, nach dem Rechten zu sehen. Loreena ist letzten Monat fünfzehn geworden. Privatsphäre und Freiräume sind wichtiger geworden als väterliche Fürsorge.
Ich gehe hinunter in die Küche und schalte die kleine Lampe über der Arbeitsfläche ein. Ich hole Milch und Eier aus dem Kühlschrank, aus dem Hängeschrank Mehl. Ich schlage die Eier auf und kippe sie zusammen mit Milch und Mehl in eine große Plastikschüssel. Gebe eine Prise Salz dazu. Verrühre den Teig mit einem Schneebesen, bis er nicht mehr klumpt. Es dauert länger als mit der Maschine, macht dafür aber keinen Lärm. Wenn der Pfannkuchenteig bereits fertig ist, spare ich morgens fast zehn Minuten. Zehn Minuten können entscheidend sein.
Auf einmal steht Ellie in der Küche. Sie trägt ein hellblaues Pyjama-Oberteil und eine meiner grauen Anzughosen.
„Die Pferde“, sagt sie und reibt sich die Augen. „Die Pferde … sie wollen einfach keine Ruhe geben.“
Ich stelle die Schüssel auf die Arbeitsfläche. „Liebling, das war nur ein Traum.“
„Aber die Pferde, Billy … sie haben Schmerzen. Sie wiehern schon die ganze Nacht hindurch.“
„Schon gut“, sage ich und nehme ihr Gesicht in meine Hände. Es ist so schrecklich klein geworden. „Schon gut.“
Ellie ist auf einer Ranch aufgewachsen. Sie erinnert sich daran nicht mehr.
Ihre Träume schon.
„Es ist alles in Ordnung“, sage ich.
„Wir müssen Dr. Albert anrufen“, beharrt sie. „Damit er ihnen etwas gegen die Schmerzen gibt.“
Ich nicke. „Du hast recht. Ich kümmere mich darum.“
Sie sieht mich an. „Wirklich?“
In meiner Hosentasche vibriert das Handy.
„Versprichst du es, Billy?“
„Ich verspreche es.“
Sie nickt und geht. Und ich warte, bis sie in der Dunkelheit des Wohnzimmers verschwunden ist, bevor ich den Anruf annehme.
„Ich hoffe, Sie haben einen guten Grund!“, zische ich ins Telefon.
Es ist Jennings. Er spricht leise. Seine Stimme klingt zittrig.
Er hat einen guten Grund.
„Bin unterwegs“, beende ich das Telefonat.
Ellie steht noch immer im Wohnzimmer. „Was ist los?“
„Ich muss noch mal weg.“
Sie kommt zurück ins Küchenlicht. „Wohin denn?“
„Zur Arbeit. In das Terminal.“
Sie überlegt.
„Geh zurück ins Bett, ja?“ Ich küsse sie auf die Stirn. „Es ist alles in Ordnung. Wenn du aufwachst, bin ich wieder da.“
„Kannst du Milch mitbringen, wenn du am Supermarkt vorbeikommst?“
„Klar, mache ich.“
„Danke, Billy.“ Sie greift nach meiner Hand und drückt sie. „Du bist der Beste.“
Ich kenne Ellie seit 35 Jahren. Seit der High-School. Es hat in ihrem Leben nie einen Billy gegeben. Zumindest soweit ich weiß. Zumindest keinen, der etwas bedeutet hätte.
Ich wüsste nicht, ob ich es sonst ertragen könnte.

Weiterlesen eBook kaufen