Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 11

Lennard Fanlay 

Mein Mercedes ist groß und schwer.

Große, schwere Wagen bieten einen besonderen Komfort. Sie verbannen die Welt nach draußen. Noch bei 70 Meilen in der Stunde hört man nicht mehr als ein gleichmäßiges Surren. Sogar ein Hupen wird von der mächtigen Karosserie auf die Lautstärke eines Handyklingelns heruntergedämpft. Ich genieße die mühsam aufgebaute Stille.

Bis Marc sie vom Beifahrersitz aus mit einem Räuspern zerstört.

„Darf ich Sie was fragen?“

„Klar“, entgegne ich, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.

„Was erhoffen Sie sich genau davon?“

„Informationen. Die Polizei müsste bereits weit mehr über die Piloten wissen als wir.“

„Was ja auch kein Kunststück ist“, entgegnet Marc. „Wir wissen praktisch nichts über die beiden.“

„Und deshalb statten wir Inspektor Bailey nun einen Besuch ab.“

„Aber … ich verstehe das trotzdem nicht. Ich meine, es gibt doch offensichtlich gar keine Bombe. Das Sprengstoffkommando hat das Flugzeug komplett auf den Kopf gestellt, die Hunde haben auch nichts gefunden. Und das aufgenommene Gespräch kann so ziemlich alles bedeuten.“

Ich nicke. „Auf den ersten Blick stimmt das alles. Da ist nur eine Sache, die mir nicht aus dem Kopf geht. In der Nacht, bevor ein wichtiger Birmanischer Geschäftsmann erwartet wird, um Verträge über Hunderte Millionen Dollar zu unterschreiben, unterhalten sich zwei chinesische Piloten über eine Bombe und sorgen dadurch – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – dafür, dass ihr Flug verlegt wird.“

„Wenn Sie mich fragen“, entgegnet Marc, „ist das reiner Zufall. Ich meine, wie viele Passagiere haben wir jeden Tag im Terminal? Ich bezweifle, dass das irgendwas miteinander zu tun hat.“

Ich schaue zur Seite. „Warum sind Sie dann mitgekommen?“

Er zuckt mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst noch nicht.“

„Vielleicht finden Sie es ja noch heraus.“

Vierzehn Minuten später parke ich den Mercedes auf dem Besucherparkplatz des Police Departments. Mein Dienstausweis bringt uns nicht einmal am Empfangstresen vorbei. Wir sind ein privater Sicherheitsdienst, nicht mehr. Nirgendwo wird einem dies mehr bewusst als in einem Polizeirevier. Erst als Inspektor Bailey persönlich nach vorne kommt, lässt man uns passieren.

Er sieht aus wie immer. Brauner Filzhut, ungebügeltes Hemd, tiefe Augenringe.

„Da haben Sie ja mal wieder etwas Schönes mitgebracht“, sagt er.

„Man tut, was man kann“, entgegne ich.

Ein Lächeln zerknittert kurz sein Gesicht. „Na, dann kommen Sie mal mit.“

Die Mordkommission liegt im Dunkeln. Vereinzelt setzen Schreibtischlampen Lichtpunkte. Ein großer, schnauzbärtiger Mann schläft ausgestreckt auf einem Bürostuhl. Scheint eine ruhige Nacht zu sein.

Nachdem nun doch keine vollbesetzte Passagiermaschine explodiert ist.

Der Raum erinnert an Rachels Überwachungszentrale. Nur die Luft ist besser.

Drei kahle Wände. Die vierte wird großflächig von einem Dutzend Monitoren bedeckt. Davor steht ein schmaler Schreibtisch mit Tastaturen. Lediglich zwei der Bildschirme sind eingeschaltet, sodass es nicht schwerfällt, die beiden Piloten zu entdecken. Sie sitzen in getrennten Verhörzimmern. Jeder von ihnen mit zwei Polizisten. Lautlos beantworten sie Fragen. Der größere Pilot wirkt sehr angespannt.

„Das ist Zhang Zhilei“, sagt Inspektor Bailey und tippt gegen den Monitor. „Der andere ist sein Copilot …“ Er zieht einen Notizblock heran und liest. „Meng Fanlong. Beide sind chinesische Staatsbürger. Wohnhaft in Shanghai. Angestellte der Beijing Airline. Sie haben unabhängig voneinander ausgesagt, dass sich ihr Gespräch auf ein Sicherheitstraining bezog. Die beiden haben tatsächlich ein Seminar zum Thema Flugsicherheit besucht. Ist zwar schon acht Wochen her, aber nun gut …“

„Es gibt eine Aufnahme des Gesprächs“, sage ich.

„Ich weiß. Geben Sie sie einfach am Empfang ab. Vor morgen früh kriegen wir ohnehin keinen anständigen Dolmetscher. Und bis dahin liegt der Fall sowieso nicht mehr bei mir.“

„Homeland Security?“, frage ich.

„Oder FBI. Je nachdem, wer gerade scharf drauf ist.“

Also wahrscheinlich Homeland Security, denke ich.

Inspektor Bailey schiebt sich den Filzhut in den Nacken. „Bei den beiden gibt es aber wahrscheinlich ohnehin nicht viel zu finden. Sie fliegen seit über sieben Jahren für die Beijing Airlines. Seit fünf Jahren auch in die USA. Die werden sowieso regelmäßig von allen Seiten durchleuchtet.“

„Könnten sie Teil einer terroristischen Vereinigung sein?“, fragt Marc.

„Sie können davon ausgehen, dass die Weste der zwei weißer ist als die Sonntagswäsche Ihrer Großmutter“, entgegnet Bailey. „Andernfalls wäre das entweder dem FBI oder der Homeland Security bereits aufgefallen. Fest steht: Es gibt keine Bombe, es gibt keine Beweise und es gibt auch keine Verdächtigen. Vor allem aber gibt es keinen Toten und auch keinen Versuch, irgendwas daran zu ändern. Also gibt es für die Mordkommission auch nichts zu ermitteln.“

„Aber es gibt doch einen Zeugen“, beginnt Marc sich im Kreis zu drehen. „Einen Zeugen, der Mandarin spricht.“

„Und wenn schon …“, entgegnet Bailey und schaut ihn zum ersten Mal direkt an. „Alles was wir haben, ist ein großer Haufen Scheiße, der darauf wartet, jemanden um die Ohren zu fliegen.“

Marc ist klug genug, nichts darauf zu erwidern.

„Wie es aussieht, sind die beiden vor Morgengrauen wieder auf freiem Fuß und können ihren Flug nachholen“, fährt Bailey fort. Wahrscheinlich beschäftigt ihn inzwischen vor allem die Frage, warum er uns überhaupt reingelassen hat. „Dann geht bei Ihnen auch alles wieder seinen gewohnten Gang.“

Ich überlege. Eigentlich gibt es keine bessere Art, wie die Geschichte zu Ende gehen könnte. Trotzdem bleibt die Erleichterung aus.

„Danke“, sage ich.

„Man tut, was man kann“, entgegnet er.

Wir verabschieden uns.

Als ich den Mercedes vom Parkplatz lenke, fährt meine Rechte in meine Jackettasche.

Das kantige Plastik der Speicherkarte ist noch da.

Ich weiß nicht, ob es ein Versehen war.

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