Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 12

Karen Donell 

Die Lobby ist menschenleer.

Ich weiß nicht genau, wie, doch ich habe es geschafft. Viele der gestrandeten Passagiere müssen sich ein Zimmer teilen, einige waren nicht gerade erfreut darüber, aber es hat geklappt. Jeder hat ein Bett für die Nacht bekommen.

Henry ist noch immer nicht wieder aufgetaucht, doch dieser Umstand dringt nur sehr gedämpft in mein Bewusstsein vor. Ich fühle mich ausgelaugt, ausgebrannt, leer. Als wäre ich einen Marathon gelaufen. Dabei ist es noch nicht einmal vier Uhr.

Ich ziehe die Schublade unter dem Keyboard heraus und taste nach der Zigarettenschachtel. Ich habe überall Depots angelegt. Für Notfälle. Ich bin bereits auf dem halben Weg nach draußen, als sich vom Terminal her zwei Männer nähern. Ich beeile mich, zurück an die Rezeption zu kommen. Den vorderen Mann erkenne ich, noch bevor ich sein Gesicht sehe. Stanley Addisions Gang ist unverwechselbar. Den dahinter mit den blonden Locken kann ich nicht zuordnen. Die Glastüren gleiten zur Seite.

„Guten Abend, Karen“, begrüßt mich Stanley in dem onkelhaften Ton, den er immer für mich bereithält.

„Hallo, Stanley.“

„Wie geht es meiner Lieblings-Rezeptionistin?“

Ein Lächeln trieft von seinen Lippen, und er lehnt sich so weit über den Tresen, dass ich Mühe habe, nicht zurückzuweichen.

„Gut“, sage ich und versuche, professionell zu bleiben.

„Freut mich zu hören.“ Stanley zeigt hinter sich. „Wir haben hier einen Nachzügler.“

Unter anderen Umständen hätte man den jungen Mann wahrscheinlich als gutaussehend bezeichnet. Jetzt wirkt er vor allem verstört. Mitgenommen. Als wäre er bei einem schweren Verkehrsunfall mit dem Schrecken davongekommen.

Oder als sei er in die Mühlen der TSA geraten.

„Kriegst du den noch irgendwo unter?“, fragt Stanley.

Ich brauche nicht in den Belegungsplan zu schauen, um zu wissen, dass noch genau ein Zimmer frei ist. Die Suite im 4. Stock. Reserviert für Mr. Khin. Ich kann einen Seufzer nicht unterdrücken.

„Was denn, was denn?“, fragt Stanley sogleich. „Du wirst doch dem alten Stanley keinen Gefallen abschlagen können?“

„Ich muss nachschauen.“

Und jetzt öffne ich doch den Belegungsplan, nur um nicht weiter Stanley Gesicht sehen zu müssen.

Ich klicke umher, um Zeit gewinnen, ohne überhaupt zu wissen, wofür. Stanelys Geduld ist schnell zu Ende. Das linkische Grinsen verschwindet.

„Dann müssen Sie wohl bei uns bleiben“, sagt er.

Der Mann mit den dunklen Augenringen hinter ihm sieht aus, als hätte Stanley ihm gerade in den Magen geschlagen, und auf einmal tut er mir irgendwie leid.

Trotzdem, es ändert nichts. Wir sind bis auf die Besenkammer ausgebucht.

Nur ein Zimmer ist leer. Mr. Khins Suite.

„Na, Karen, wie sieht‘s aus?“, fragt Stanley und beugt sich wieder über den Tresen. Ein erneutes Grinsen verklebt seine Mundwinkel.

Abscheu überkommt mich und vermischt sich mit dem Mitgefühl für den blonden Mann mit den dunklen Augenringen. Vielleicht ist das der Grund, der mich entgegen jeder Vernunft sagen lässt: „Hier habe ich was.“ Ich sehe auf. „Ich bräuchte dann bitte ihren Pass oder Personalausweis.“

Der junge Mann rührt sich nicht. Dafür greift Stanley in sein Jackett, holt einen Reisepass hervor und legt ihn aufgeklappt zwischen uns.

Ich trage den Namen in den Computer ein. Robert Terry.

„Willkommen in unserem Hotel, Mr. Terry. Ich habe Ihnen Zimmer 407 gegeben.“ Ich schiebe die Zugangskarte und ein Lächeln über den Tresen. „Das ist eine unsere Suiten.“

Sein Blick flackert an meinem vorbei. „Danke.“

„Bitte nehmen Sie noch einen Moment Platz“, sage ich, weil ich noch den Begrüßungskorb aus der Suite schieben muss.

„Wenn wir noch Fragen haben, wissen wir ja, wo wir Sie finden“, sagt Stanley zu Mr. Terry und steckt den Pass wieder ein.

Mr. Terry nickt. Dann trottet er kraftlos zu den Sofas hinüber.

Als ich wieder nach vorne schaue, starrt mich Stanley an.

„Sie sind die ganze Nacht hier, richtig, Karen?“

Seine Stimme hat etwas unangenehm Verschwörerisches.

„Ich und Henry“, sage ich.

Stanley legt eine Visitenkarte auf den Tresen.

„Sollte sich Mr. Terry zu einem nächtlichen Spaziergang entschließen oder anderweitig vorhaben, auszugehen … dann sagen Sie mir Bescheid.“ Er sieht mich durchdringend an. „Können Sie das für mich tun?“

„Selbstverständlich“, sage ich, ohne den Blick von dem kleinen Stück Pappe abzuwenden. Die Oberfläche ist vergilbt. Eine Ecke ist eingerissen.

Wie ein abgebrochener Fingernagel, denke ich.

„Wunderbar“, sagt Stanley und zwinkert mir zu.

Und auf einmal ist sein Gesicht genauso schief wie sein Gang.

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