Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 13

Duane Parker 

Ich bemerke das Flackern erst, als ich die Haustür aufschließe. Ich sehe es durch das breite Wohnzimmerfenster. Ein bleicher Wechsel von Hell und Dunkel. Fernsehbilder. Mehr ist in der Schwärze zwischen Vorhängen und Fensterbankpflanzen nicht zu erkennen. Als ich ging, war der Fernseher ausgeschaltet. Da bin ich mir sicher. Ich erstarre in der Bewegung. Der Schlüsselbund klimpert. Meine Hand gleitet unters Jackett und umschließt meine Pistole. Die Sicherheitsschlösser waren verschlossen, und die kleine Lampe der Alarmanlage blinkt in einem beruhigenden Grün, doch der Fernseher war nicht eingeschaltet, also bleibt die Angst.

Ich drehe den Schlüssel ein letztes Mal nach links. Das Klacken ist kaum hörbar.  Ganz langsam drücke ich die Tür auf. Es ist vollkommen still. Das Ambilight des Flatscreens erstrahlt in einem satten Grün. Die Wiederholung einer Football-Übertragung. Ellie liegt zusammengerollt mit einer Decke auf der Couch. Sonst ist das Wohnzimmer leer. Meine Hand löst sich vom Pistolenknauf.

Ich schließe die Haustür so leise, wie ich sie geöffnet habe, gehe zum Wohnzimmertisch, wo die Fernbedienung liegt, und schalte den Fernseher aus.

„Duane?“

Es trifft mich wie ein Schlag. Jedes Mal.

„Ich bin hier.“

Es ist nur ein Flüstern. In Momenten wie diesen traue ich mich nicht, lauter zu sprechen.

„Duane?“, fragt Ellie wieder.

„Ich bin hier, Liebling.“

Wegen der Dinge, die nur darauf warten hervorzubrechen, wenn man ihnen den Platz gewährt.

„Warum ist es so dunkel?“

Ich taste mich zum Sofa vor, suche nach ihrem Gesicht.

„Ich habe den Fernseher ausgemacht. Du bist wohl eingeschlafen.“

„Ja …“ Sie scheint zu überlegen. „Da war diese Tiersendung.“

„Ich bringe dich hoch. Dann kannst du weiterschlafen.“

Ich will ihr aufhelfen, doch sie sieht mich nur an.

„Wo warst du? Es ist spät.“ Sie schaut zum Vorgarten hinaus. Die Straße liegt im gelben Licht der Laternen. „Es ist doch spät, oder?“

„Ich musste noch mal zurück zum Abraham Norton. Es gab noch was zu tun.“

„Lässt Sneyder dich wieder so viele Überstunden machen?“

Ich nicke. „Du kennst ihn ja.“

Greg Sneyder war Federal Security Director, bevor ich es wurde. Ein fieses Arschloch, das nichts anderes im Sinne hatte, als seine Mitarbeiter zu schikanieren. Im Alter von 62 hat ihn sein vierter Herzinfarkt dann endlich dahingerafft.

„Du musst mit ihm reden, Duane. Es geht so nicht weiter. Du machst dich noch kaputt mit all der Arbeit.“

„Ich rede mit ihm“, sage ich. „Mach dir keine Sorgen.“

Sie umarmt mich, die Decke fällt zu Boden, und der Berg in mir kommt ins Rutschen. Mühevoll presse ich ihn zurück an seinen Platz.

„Was hast du?“, fragt Ellie, die Hände noch immer auf meinen Schultern.

„Nichts, ich … ich bin nur müde.“

„Das geht vorbei“, sagt Ellie und lächelt, lächelt genauso wie früher, und ich halte es nicht aus. Mein Blick fällt auf ihre nackten Beine. Im selben Augenblick bemerke ich den Geruch.

Rauch.

Es brennt.

Ich springe auf, Ellie fragt: „Was ist los?“, und in der Küche sind bereits graue Schleier. Hinter der Backofenscheibe lodern Flammen. Ich reiße Geschirrtücher von den Haken und öffne die Klappe mit einem Ruck. Ein Rauchgeysir schlägt mir entgegen. Augen, Mund und Lunge brennen. Blindlings grapsche ich nach dem Backblech, ein heißer Schmerz zerplatzt in meiner rechten Hand wie ein Feuerwerkskörper. Ich kippe die brennende Ladung in die Spüle und schlage den Griff des Wasserhahns nach oben. Ein letzter Qualmpilz, ein scharfes Zischen, dann verschwindet die Hitze. Ich schnappe nach Luft, meine Lungen schreien, und ich huste und huste. Meine Beine geben nach, etwas scheppert zu Boden, ich lande auf meinem Hintern und huste weiter. Das Schwarz vor meinen Augen wird dunkler, der Vorhang schließt sich. Als er wieder aufgeht, drückt das Linoleum des Küchenbodens gegen meine Stirn. Es ist so wunderbar kühl. Mein Brustkorb pumpt wie ein Blasebalg.

„Duane?“, ruft Ellie in weiter Ferne. „Duane, was ist passiert?“

Sonst ist es still im Haus.

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