Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 14

Lennard Fanlay

Auf dem Rückweg vom Police Department, irgendwo in Haight Asbury. Marc lotst mich durch die engen Straßen parallel zur Masonic Avenue.

„Hier ist es“, sagt er und grinst plötzlich von einem Ohr bis zum anderen.

Ich halte vor einem der vielen bunten Reihenhäuser mit Spitzdach. Ein knappes Dutzend Stufen führt hinauf zur Eingangstür. Backsteinfassade mit großzügigen Fenstern. Orangefarbener Anstrich. Die Häuser links und rechts sind braun und ockerfarben.

„Danke fürs Rumfahren“, sagt Marc.

Er öffnet die Beifahrertür, bleibt aber noch sitzen.

„Lag auf dem Weg“, entgegne ich.

„Sie fahren jetzt auch nach Hause?“

„Schätze schon.“ Die Uhr im Armaturenbrett zeigt vier Uhr vierzehn.

„Dann war das Ganze also nur ein großes, dummes Missverständnis.“

„Sieht ganz danach aus.“

Marc steigt aus. Er dreht sich noch mal um. „Dann also bis morgen.“

Ich nicke, und Marc schlägt die Wagentür zu, immer noch grinsend, als wäre genau das hier der beste Moment seines Lebens. Er geht über den Bürgersteig zum Haus hinüber und winkt. Erst jetzt entdecke ich die Gestalt, die an dem breiten Erkerfenster steht. Eine hochgewachsene junge Frau. Sie winkt zurück. Sie wartet auf ihn.

Ich setze den Blinker.

Zurück auf dem Highway werden die Fragen in meinem Kopf wieder lauter.

Was von dem, was mir heute erzählt wurde, stimmt nicht?

Wo liegt der Fehler?

Was habe ich übersehen?

Und andere. Ein stetiges Surren.

Als ich vor dem kleinen Bungalow parke, färbt sich der Horizont bereits dunkelgrau. Ich ziehe den Zündschlüssel heraus und verlasse die schützende Hülle meines Mercedes. Die Straße ist ruhig. Zu beiden Seiten liegen Bungalows still und dunkel im spärlichen Licht der Straßenbeleuchtung. Ein Grund, warum ich mich für diese Gegend entschieden habe: die Ruhe. Der andere Grund ist die Nähe zum Abraham Norton.

Ich gehe hinein, entkleide und dusche mich, lege mich aufs Bett. In der Stille des Schlafzimmers wird das Surren in meinem Kopf lauter. Das ist immer so.

Trotzdem muss ich irgendwann eingeschlafen sein, denn meine Augen sind geschlossen und als sie wieder öffne, ist da ein Geräusch, das vorher nicht dagewesen ist.

Schritte.

Jemand ist in meinem Haus.

Ich halte die Luft an. Die Zeit dehnt sich. Ich spüre meinen Herzschlag. Die Schritte verstummen.

Ich setze mich vorsichtig auf. Draußen ist es noch dunkel. Die Jalousie wirft schwache Balken Kunstlicht auf den Teppichboden.

Ein leises Rascheln. Stoffrascheln. Es kommt aus dem Wohnzimmer. Die Tür steht einen Spalt weit offen.

Ich versuche, gleichmäßig zu atmen, mich zu beruhigen. Meine Gedanken zu ordnen. Ich versuche, mich zu erinnern, wo meine Dienstwaffe und mein Handy sind.

Im Bürotresor und in der Jackett-Innentasche. Beides unerreichbar.

Das Rascheln kehrt zurück. Ich gleite aus dem Bett.

Die Matratze gibt ein leises Ächzen von sich, und im Wohnzimmer herrscht schlagartig Stille. Hektisch sehe ich mich nach einer Waffe um. Ich weiß nicht, warum ich aufgestanden bin. Es gibt ohnehin nichts zu stehlen. Mein gesamtes Bargeld trage ich in der Hosentasche mit mir herum und mein teuerster Besitz liegt in Form des Autoschlüssels auf dem Nachttisch. Und der Wagen ist sogar gegen Diebstahl versichert. Ich hätte liegen bleiben sollen, mich schlafen stellen, bis es vorbei ist, doch dafür ist es jetzt zu spät. Also schleiche ich unendlich langsam in Richtung des viel zu stillen Wohnzimmers. Das Rascheln kommt nicht zurück. Auch keine Schritte. Dann plötzlich ein lautes, hartes Klacken.

Die Haustür.

Er ist gegangen, denke ich. Aber war er allein?

Als ich endlich die Zimmertür erreiche und den Lichtschalter im Wohnzimmer betätige, ist der Raum leer. Ohne zu zögern gehe ich in die Küche, öffne den Schrank unter der Spüle und hole einen Zimmermannshammer heraus. Dann durchsuche ich den Rest des Hauses.

Ich bin allein. Alle Fenster sind unbeschädigt und verschlossen, die Schlösser an Vorder- und Hintertür sind intakt. Die 43 Dollar aus meiner Hosentasche liegen noch immer auf dem Küchentisch. Das Handy steckt in meinem Jackett. Alles ist noch da. Keine Spuren. Als wäre niemand hier gewesen.

Ich stelle den Hammer auf den Boden und beginne, nach einer anderen Erklärung zu suchen, für das was, ich gehört habe. Ich gehe zum Esstisch, wo mein Jackett über einer Stuhllehne hängt und durchsuche es ein weiteres Mal. Die Außentaschen sind leer. Die Speicherkarte ist verschwunden.

Ich weiß nicht, wie lange ich inmitten meines Wohnzimmers stehe und überlege.

Es kommt mir ziemlich lange vor.

Die Fragen in meinem Kopf wurden durch eine einzige ersetzt: Wer wusste, dass ich die Speicherkarte besitze?

Irgendwann ziehe ich mich an, nehme den Autoschlüssel und gehe hinaus.

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