Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 15

Karen Donell 

Die Zeit zwischen drei und halb sechs ist gewöhnlich die ruhigste. Die meisten Gäste sind bereits im Bett, Neuankömmlinge sind vor Landung der ersten Maschine eher eine Seltenheit und das Frühstücksbuffet öffnet erst um sechs Uhr.

Um kurz vor drei taucht Henry wieder auf, mit roten, glasigen Augen und unruhig wie Wackelpudding. Wahrscheinlich hat er wieder einen seiner nervösen Zusammenbrüche gehabt.

„Wo warst du?“, frage ich so beiläufig, wie es geht.

Es ist trotzdem zu direkt.

Henry erstarrt. Der Pudding gefriert. „Wieso?“

„Nur so“, sage ich und klicke ziellos durch den Reservierungsplan.

„Im Dritten musste der Teppich gereinigt werden“, sagt Henry. „Da hat einer direkt vor den Fahrstuhl gekotzt. Und noch einmal hinten beim Notausgang.“

Menschen, die in Flughafenhotels übernachten, trinken weit häufiger mehr, als sie vertragen können. Möglicherweise tendieren auch gerade Menschen mit Alkoholproblemen und Magenleiden überdurchschnittlich oft dazu, sich in Flughafenhotels einzumieten. Ich weiß nicht, in welche Richtung der Zusammenhang besteht – ob Flughafenhotels Menschen zu Säufern machen oder einfach nur gerade diese Sorte Mensch besonders stark anziehen –, aber er besteht. Deshalb befindet sich im Abstellraum jedes Stockwerks ein Vakuumreiniger, dessen Anschaffungspreis mein Monatsgehalt übersteigt.

„Du bist zurechtgekommen?“, fragt Henry neben mir.

Ich antworte nicht sofort.

„Ging schon“, sage ich schließlich. Es hätte keinen Zweck, Henry Vorwürfe zu machen. Er würde nur darunter zerbrechen. „Und danke, dass du dich um den Teppich gekümmert hast. Du weißt, wie sehr ich das hasse.“

Henry nickt erleichtert.

Die Glastüren zum Terminal gleiten zur Seite. Leo kommt herein. Sein Anzug sitzt perfekt wie immer, doch der Rest von ihm wirkt etwas derangiert. Sein Haar ist zerzaust, der Abdruck einer Kopfkissennaht ziert die linke Gesichtshälfte.

„Hey“, sage ich.

„Hey.“

Er legt die Hände auf den Empfangstresen, und ich wundere mich ein weiteres Mal darüber, dass dieser Mann keinen Ehering trägt.

„Wie läuft’s?“, frage ich.

„Ging schon mal besser“, sagt er und schaut kurz zu Henry rüber. „Ihr habt hier einen Robert Terry bei euch zu Gast?“

„Zimmer 407“, antworte ich, ohne in den Belegungsplan schauen zu müssen.

„407?“, fragt Henry und nestelt unruhig an seinem Kragen herum.

„Ich muss mit ihm sprechen“, sagt Leo.

„Ich dachte, Zimmer 407 wäre für Mr. Khin reserviert“, sagt Henry.

„Mir blieb nichts anderes übrig“, entgegne ich. „Musst du jetzt mit ihm sprechen, Leo?“

Er nickt. „Jetzt.“

„Aber ich dachte –“, beginnt Henry.

„Warte mal bitte kurz“, unterbreche ich ihn und wende mich wieder an Leo. „Verrätst du mir, worum es geht?“

„Das wüsste ich selbst gerne.“ Er sieht mich an. Seine Augenringe spielen zwar noch nicht in Henrys Liga, werden aber bald konkurrenzfähig. „Es ist wichtig, Karen. Sonst wäre ich jetzt nicht hier, sondern zu Hause.“

Das hier ist doch dein Zuhause, denke ich und sage: „Okay, ich schau mal, ob ich ihn wach bekomme.“

Ich greife zum Telefonhörer und wähle Robert Terrys Zimmernummer. Das Freizeichen ertönt.

„Geht nicht ran“, sage ich und präsentiere das Tuten als Beweis.

„Aber er ist in seinem Zimmer?“

„Einer von Parkers Leuten hat ihn vor einer knappen Stunde vorbeigebracht“, sage ich und lege auf. „Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.“

„Und du warst die ganze Zeit über hier an der Rezeption?“, fragt Leo.

„Selbstverständlich“, sage ich.

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