Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 16

Lennard Fanlay

Der Flur im vierten Stockwerk des Terminal-3-Hotels ist genauso gerade und lang wie in den anderen Stockwerken. Nur die Türen sind weiter auseinander.

„Hier oben befinden sich unsere Premium-Zimmer und die beiden Suiten“, erklärt Karen. „Außerdem zwei Konferenzräume.“

Ihre Absätze schlagen dumpf auf den tiefen Teppich. Die Türen, an denen wir vorbeigehen, glänzen wie dunkles Nussbaumholz, doch das wäre wahrscheinlich eine andere Preisklasse. Dazwischen hängen großflächig gerahmte Fotografien von Parks und Kühlschränken.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor hier oben gewesen zu sein.

„Hier ist es“, sagt Karen und bleibt stehen.

Ich frage mich, warum sie mit hinaufgekommen ist. Die Zimmernummer hätte ich auch alleine gefunden, und eine Gästekarte, um den Fahrstuhl zu benutzen, besitze ich ebenfalls.

Ich klopfe an.

Nichts rührt sich. Auch im Zimmer bleibt es ruhig.

Ich klopfe ein weiteres Mal.

Das Ergebnis verbessert sich nicht.

„Mr. Terry“, sage ich laut zum Nussbaum-Imitat, „hier ist Lennard Fanlay. Ich muss mit Ihnen sprechen.“

Stille.

Ich schaue Karen an. Sie lässt sich nicht dabei stören, an ihrem Daumen zu knabbern. Dafür kennen wir uns schon zu lange.

„Er muss da sein“, sagt sie. „Er ist nicht hinausgegangen, und die Hotelbar ist bereits geschlossen.“

„Könnte er bei jemand anderem im Zimmer sein?“

„Ich wüsste nicht, dass er hier jemanden kennt.“

„Wir sollten nachschauen, ob alles in Ordnung ist“, versuche ich mein Glück.

Karen sieht alles andere als erfreut aus.

„Heute Nacht hat jemand bei mir eingebrochen, um an ein Video zu kommen, das er gemacht hat. Ich weiß, du kannst deshalb einen riesigen Ärger bekommen, aber …“ Ich lasse einige Sekunden verstreichen. „Hast du einen Universal-Schlüssel?“

Wortlos greift Karen in ihren Blazer und reicht mir eine Zugangskarte.

„Wenn Mr. Marquez das rausfindet, bin ich meinen Job los“, sagt sie, und für einen kurzen Moment wünsche ich mir, sie hätte einfach Nein gesagt.

Ich schiebe die Zugangskarte in den dafür vorgesehenen Schlitz. Das Klacken erinnert an meine Haustür und zum zweiten Mal in dieser Nacht denke ich an den kleinen Tresor in meinem Büro und an die Pistole darin.

„Warte hier“, sage ich leise zu Karen.

Dann drücke ich die Tür auf.

Der Raum dahinter ist dunkel und groß. Zur Linken erkenne ich die Umrisse einer kreisrunden Couch. Die Rückwand des Wohnbereichs ist vollständig verglast. Davor die Schattenrisse von Esstisch und Stühlen. Jenseits der Fenster das Terminal, dunkelgrau und leer in seiner Nachtbeleuchtung.

„Mr. Terry?“, rufe ich ein letztes Mal und gehe hinein.

„Das Schlafzimmer ist links“, zischt Karen mir vom Flur aus nach.

Ich wende mich Richtung Sofakreis.

Immer noch nichts als Stille und Schatten.

Die breite Schiebetür steht offen. Das Bett dahinter ist nur zu erahnen.

Genauso wie der Fuß, der schlaff davon herabhängt.

„Mr. Terry?“

Dann geht alles sehr schnell.

Irgendwo plärrt ein Telefon auf, Absätze klackern näher, plötzlich geht das Licht an, es ist Karen, und ich sage: „Es wäre besser, wenn du –“

Weiter komme ich nicht.

„Verdammte Scheiße!“, stößt sie hervor.

Ich folge ihrem Blick. Der Mann liegt bäuchlings auf dem Bett. Er trägt einen weißen Bademantel. Sonst nichts. Der Bademantel ist beinahe bis zur Hüfte nach oben gerutscht. Die Pillen sind ebenfalls weiß, sodass sie auf dem Bettlaken kaum zu erkennen sind. Auf dem Teppich dafür umso besser, und das orangefarbene Tablettenröhrchen neben dem Kopfkissen beseitigt jegliche Unklarheiten.

„Nicht schon wieder …“, sagt Karen tonlos.

Irgendwo im Wohnzimmer klingelt noch immer das Telefon.

Ich beuge mich vor und lege zwei Finger an den Hals des Mannes.

Er hat blonde Locken.

Robert Terry ist tot.

Weiterlesen eBook kaufen