Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 17

Duane Parker

Zurück bei der Arbeit.

Zurück im Terminal.

Zurück in der Hölle.

Es riecht nach Qualm und Feuer. Der Gestank kommt von mir. In meiner Hand pocht ein zweiter Puls, aber es ist zu ertragen.

Bevor ich losgefahren bin, habe ich Stuart gebeten, bei mir zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Ich kann Eileen jetzt nicht alleine lassen. Eigentlich brauchen wir alle verfügbaren Beamten im Terminal, aber ich kenne sonst niemanden, den ich fragen kann. Und Loreena hat morgen Schule.

Der Raum ist voller Astronauten. Die Spurensicherung des SFPD. Die weißen Anzüge knistern bei jeder ihrer wohlüberlegten Bewegungen.

Unendlich langsam schreiten sie Zentimeter für Zentimeter der Suite ab.

Und sammeln Pille für Pille ein. Verstauen sie in ihren Plastikbeuteln. Genauso das Röhrchen.

Finden unter dem Bett eine einzelne Socke. Suchen nach der zweiten.

Spähen unter Kommode und Sofa. Öffnen Schubladen und Schränke.

Bestäuben alles mit ihrem weißen Puder, als wäre es ein verschissenes Blumenbeet. Und das, obwohl das gesamte Hotelzimmer so laut Selbstmord schreit, dass es in meinen Ohren klingelt.

Es ist kurz vor fünf. Ich bin seit 23 Stunden auf den Beinen. Ich würde den gesamten Laden niederbrennen, um nach Hause zu kommen. Doch sogar das würde nichts nützen.

Selbst Feuer ist machtlos gegen die Statuten der TSA.

Umgehende Verständigung der zuständigen Behörden. Überwachung und Dokumentation jeglicher Aktivitäten externer Institutionen. Unterstützung der Ermittlungen. Durchführung eigener Untersuchungen. Und vor allem: ständige Reports an die Homeland Security.

Im Schlafzimmer macht einer der Raumfahrer Fotos von dem toten Nacktarsch auf dem King-Size-Bett. Blitzlicht flammt auf. Immer wieder. Von allen erdenklichen Winkeln. Noch ein Foto und noch ein Foto. Wahrscheinlich für seine Privat-Sammlung.

Fanlay ist auch da. Wie immer. Draußen auf dem Flur hinter dem Absperrband. Wie immer. Der ständige Zaungast meines persönlichen Fegefeuers. Nur sein schweigsames Anhängsel ist diesmal nicht mit dabei.

Meine Laune könnte beschissener nicht sein, also gehe ich hinaus, um mit ihm zu reden.

„Haben Sie den armen Kerl ausgezogen?“, frage ich so laut, dass es auch der uniformierte Polizist mitbekommt.

Fanlays Antwort ist der Versuch eines nachsichtigen Lächelns, was jedoch nicht darüber hinwegtäuscht, dass er ziemlich fertig aussieht. Auch Mr. Saubermann muss irgendwann mal schlafen.

„Ich hoffe, er war wenigstens schon tot, als Sie sich an ihm vergangen haben!“

Das Lächeln in Fanlays Gesicht wird sehr dünn. Dafür spüre ich, wie sich in meinem eigenen ein feistes Grinsen ausbreitet. Es fühlt sich großartig an.

„Ich sehe schon“, sage ich betont ernst, „Sie wollen nicht darüber reden. Dann verraten Sie mir wenigstens, wo Sie die zweite Socke versteckt haben. Die Jungs von der Spurensicherung haben geschworen, nicht eher nach Hause zu gehen, bevor das Paar komplett ist.“

„Duane, warum sind Sie eigentlich hier?“, fragt Fanlay mit einer Gleichgültigkeit, die mein Grinsen sofort wieder in sich zusammenrutschen lässt.

„Ich muss“, sage ich. „Man kann hier einfach nicht ohne mich.“

„Das ist doch nicht mehr als ein Witz für Sie. Das interessiert Sie doch alles gar nicht. Bestenfalls ist der Tod dieses Mannes ein Ärgernis für Sie.“

„Wenn sich irgendein psychisch labiler Modefotograf entschließt, seine letzte Reise hier im Terminal anzutreten, bringt mich das nicht um den Schlaf, nein.“

„Das war kein Selbstmord“, sagt Fanlay mit einer Überzeugung und Bestimmtheit, dass ich ihm am liebsten die Fresse polieren möchte.

„Und dafür haben Sie dann sicherlich auch Tonnen an Beweisen“, sage ich stattdessen.

„Es soll wie einer aussehen, aber es ist keiner.“ Seine kleinen braunen Hundeaugen fixieren mich. „Sie haben doch selbst mit ihm gesprochen. Der Junge war verängstigt, verwirrt, aber nicht suizidgefährdet.“

„Ich wusste nicht, dass Sie inzwischen auch als Seelenklempner tätig sind.“

„In knapp zwei Stunden hätte er ihn der Maschine nach Shanghai gesessen“, fährt Fanlay fort. „Er hatte das Ticket bereits in der Tasche. Das Schlimmste war doch schon überstanden!“

„Anscheinend war Mr. Terry da anderer Meinung.“

Fanlay schaut an mir vorbei und schüttelt den Kopf. Sein Mund ist jetzt eine harte Linie. Ich sehe das Zucken der Kiefermuskeln. In ihm brodelt es, aber er lässt es nicht heraus. Das ist der Unterschied zwischen uns. Das ist der Grund, warum ich ihn überleben werde. Warum ich sie alle überleben werde.

„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihren Ermittlungen“, sage ich und diesmal bin ich es, der lächelt. „Sollten Sie etwas herausfinden, wenden Sie sich einfach an Inspektor Bailey. Seine Nummer haben Sie ja.“

Ich will schnell wieder hineingehen, bevor der Anflug von guter Laune verflogen ist, als Fanlay mich zurückruft.

„Parker!“

Er taucht unter dem Absperrband hindurch, der Streifenpolizist will ihn aufhalten, doch ich zeige an, dass es in Ordnung ist. Vorerst zumindest.

Fanlay beugt sich vor und sagt leise: „Es gibt da noch etwas, was Sie wissen sollten. Jemand ist heute Nacht bei mir eingebrochen.“

Ich zucke mit den Schultern. „Sie wohnen in einer schlimmen Gegend.“

„Es ging um Mr. Terrys Video.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Weil sonst nichts gestohlen wurde.“

Was gäbe es bei dir auch zu stehlen, denke ich.

„Es wusste nur eine sehr überschaubare Anzahl an Personen, dass sich die Aufnahme in meinem Besitz befand“, fantasiert Fanlay weiter. „Meine Leute, der tote Mr. Terry und Ihre Leute.“

Ich schaue ihn an und frage: „Ja, und?“, obwohl ich bereits eine sehr genaue Vorstellung davon habe, wohin die Reise gehen soll.

„Ich lege für meine Leute die Hand ins Feuer. Was ist mit Ihren?“

Ich zögere eine Sekunde zu lang.

„Das habe ich mir gedacht. Sie sollten die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es in Ihrem Team eine undichte Stelle gibt.“

Ich wiege den Kopf hin und her. Erwecke den Eindruck, als würde ich nachdenken.

Fanlay stolpert mit Anlauf in die Falle.

„Irgendetwas geht hier vor“, flüstert er verschwörerisch. „Und uns bleibt nicht mehr viel Zeit, um herauszufinden, was. Wenn um sieben Uhr dreiundvierzig die Maschine startet, ist es zu spät. Dann sind alle Beteiligten weg … oder tot.“

Ich starre an ihm vorbei ins Leere. „Ja …“

Er galoppiert blindlings weiter. Wird vertraulich.

„Duane, wir stehen bei dieser Sache auf derselbe Seite. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber wir müssen jetzt zusammenarbeiten. Wir müssen herausfinden, wer aus Ihrem Team –“

Dann kann ich es nicht mehr zurückhalten. Ich kann nicht anders, das Lachen bricht geradezu aus mir heraus. Fanlays starrt mich fassungslos an, als hätte ich ihm gerade ins Gesicht gerülpst. Ich schiebe noch einen Grunzer hinterher.

„Sie sollten nach Hause fahren. Wirklich …“ Ich wische mir übers Gesicht. „Sie sollten einfach nach Hause fahren und sich mal so richtig ausschlafen. Dann lösen sich die meisten Verschwörungen ganz von alleine auf.“

„Ich dachte, wir hätten das inzwischen hinter uns gelassen. Nach dem, was passiert ist.“

Das Hotel Seoul. Die Entführung. Der Drachentöter.

Ich verscheuche die Gedanken und zerre meine Mundwinkel nach oben.

„Da kennen Sie mich aber schlecht, Lennard. Da kennen Sie mich aber sehr schlecht.“

Fanlay starrt mich nur an, und jetzt ist er es, der aussieht, als würde er mir am liebsten ins Gesicht schlagen. Mich zu Boden schicken und auf meinen Kopf eintreten, bis er platzt wie eine Wassermelone. Doch so etwas würde Lennard Fanlay niemals machen.

Ich verabschiede mich mit einem Grinsen.

Haben wir das Gespräch doch noch zu einem versöhnlichen Abschluss gebracht.

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