Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 18

Karen Donell 

Robert Terry war der fünfte. Fünf Tote in acht Jahren.

Ich stehe draußen vor der Tür, rauche Zigarette um Zigarette und frage mich, wie Menschen es fertigbringen, in einem Hotelzimmer Selbstmord zu begehen. Es ist bereits hell, doch der Sonne fehlt noch jegliche Wärme.

Ich glaube, ich würde von der Golden Gate Bridge springen. Ein sauberer Abgang. Oder auf einer Luftmatratze mit zwei Flaschen Rum im Arm auf den Pazifik hinauspaddeln. Sodass niemand hinter mir aufräumen muss. Dass niemand meinen kalten, blassen Körper findet. Niemand die von meinen Ausscheidungen durchtränkte Matratze entsorgen muss. Niemand das geronnene Blut von den Badezimmerfliesen schrubben muss.

Es ist fürchterlich, wenn ein Mensch stirbt. Aber vor allem ist es auch eine verdammte Schweinerei.

Ich schaue zur Lobby hinein und denke plötzlich: Henry hätte ihn finden sollen, nicht ich. Er hätte diesmal den Toten finden sollen. Er sollte da sein, er sollte an der Rezeption stehen und dabei aussehen, als wäre er nicht gerade eben auf einer Parkbank aufgewacht! Er sollte verflucht noch mal da sein, weil es sein gottverdammter Job ist!

Auf einmal ist mir sehr warm, und ich pfeffere die Zigarette auf die Straße und gehe durch die gläserne Drehtür hinein in die Lobby. Neben den Fahrstühlen gibt es eine unscheinbare Tür ohne Türklinge. Sie führt hinunter in den Keller, wo sich die Vorrats- und Kühlräume befinden. Ich könnte auch den Fahrstuhl nehmen, doch ich fürchte mich davor, jemanden zu treffen, denn ich möchte schreien. Ich möchte jemanden anschreien, also muss ich Henry finden, bevor mir jemand anderes über den Weg läuft.

Ich muss nicht lange nach ihm suchen. Er steht zwischen den Regalen mit den Trocken-Vorräten, schaufelt Erdnüsse aus einem Vier-Pfund-Eimer in sich hinein und schluchzt dabei wie ein kleiner Junge. Der Anblick irritiert mich so sehr, dass ich für einen Moment meine Wut vergesse.

„Was ist los?“, frage ich wesentlich leiser als geplant.

Henry schaut auf. Rotz und Tränen laufen über sein Kinn.

„Er … er hat ihn umgebracht. Er hat ihn umgebracht, und es ist meine Schuld.“

„Wer?“, frage ich und bin mir nicht sicher, jedes Wort richtig verstanden zu haben.

„Der Reporter …“ Henry stopft sich eine Handvoll Erdnüsse in den Mund und kaut hektisch. „Der Co-Pilot … ich hab … ich hab gesehen, wie er aus dem Zimmer von diesem Terry kam. Und keine Stunde später findet ihr ihn tot im Bett.“

„Henry, was für ein Reporter? Was für ein Co-Pilot? Wovon redest du?“

„Das ist doch kein Zufall!“, keift Henry und spuckt Erdnuss-Splitter. „So was ist doch kein Zufall!“

„Beruhige dich. Bitte … ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Was für ein Reporter?“

Henry schaufelt weiter und weint.

Ich fasse ihn am Arm. „Was hast du gesehen?“

„Ich weiß nicht mehr, wie er heißt. Irgendwas Asiatisches.“

„Hat er gesagt, dass er Reporter ist?“

Henry schüttelt den Kopf. „Nicht direkt. Er sagte, er wolle lediglich ein Mikrofon in der Suite verstecken. Um diese Wirtschaftsleute zu belauschen. Niemand würde davon etwas mitbekommen. Ich brauchte das Geld, Karen!“

„Also hast du ihn in die Suite gelassen?“

„Ja …“, sagt Henry leise und greift wieder in den Erdnusseimer.

„Was noch?“

„Er hat mir tausend Dollar gegeben. Tausend Dollar, Karen! Dafür muss ich drei Wochen lang arbeiten.“

„Henry, was noch?“

Er hat aufgehört zu weinen. Er kaut, und für einen Augenblick sind das Knacken und Schmatzen die einzigen Geräusche in dem langgestreckten Vorratsraum mit der niedrigen Decke und den vielen Regalen.

„Ich habe ihm die Zweitkarte für Nummer 407 gegeben und einfach einen Verlustbericht ausgefüllt.“

Ich spüre, wie die Wut zurückkommt und den bitter-sauren Geschmack der Enttäuschung mit sich bringt, doch es sind noch zu viele Fragen unbeantwortet.

„Warum denkst du, dass dieser Asiate etwas mit Robert Terrys Tod zu tun hat?“

„Dem hat das bestimmt überhaupt nicht gepasst, dass du einen anderen Gast in der Suite einquartiert hast. Und du hast diesen Kerl nicht gesehen. Der hatte Augen wie Eis.“

„Und was hat das alles mit dem Piloten zu tun?“

„Co-Pilot“, berichtigt Henry und beginnt wieder zu schluchzen. „Ich habe ihn später noch mal gesehen. Draußen im Terminal. Da trug er eine Co-Piloten-Uniform.“

„Es war ein und derselbe Mann? Derjenige, dem du die Karte verkauft hast und auch der, der aus Robert Terrys Zimmer kam?“

Henrys Kinn federt auf und ab. „Ganz sicher. Du hast ihn nicht gesehen, Karen. Wie er dich ansieht …“

„Dann musst du das der Polizei erzählen.“

Ich bemerke das Fallen des großen Eimers erst, als er meine Schuhe mit Erdnüssen geflutet werden.

„Das geht nicht!“ Henry starrt mich an. „Ich kann nicht mit der Polizei reden.“

„Du musst. Möglicherweise hat das alles tatsächlich etwas mit dem Tod von Robert Terry zu tun.“

„Nein“, sagt Henry immer wieder. „Nein, nein, nein. Das ist völlig ausgeschlossen!“

Und dann läuft er einfach davon. Lässt mich stehen zwischen den Regalen und läuft, ohne sich noch einmal umzusehen, zur Treppe und hinauf.

Und ich, ich bleibe zurück mit all den Fragen in meinem Bauch, mit all der Wut und Enttäuschung und habe Angst zu platzen.

Ich hebe den halbleeren Erdnusseimer auf und stelle ihn zurück ins Regal. In der Lücke daneben liegt etwas. Ein daumenlanges Metallröhrchen. An einem Ende befindet sich ein kleiner Trichter. Eine Pfeife. Vorsichtig rieche ich am Kopf.

Ich kenne den Geruch von Gras. Diesen Geruch kenne ich nicht. Scharf, chemisch.

Ich lasse die Pfeife in meiner Tasche verschwinden und wische meine Finger am Rock ab, reibe und reibe, bis sie ganz warm sind und sich irgendwie aufgequollen anfühlen.

Und dabei denke ich: Henry … Verdammte Scheiße, Henry.

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