Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 19

Lennard Fanlay

Ich sitze in meinem Büro und sehe mir ein weiteres Mal die Kopie des Videos an, als mein Handy klingelt. Es ist Karen. Sie klingt aufgelöst.

„Gott sei Dank, dass ich dich erreiche“, sagt sie. „Habe ich dich geweckt?“

„Nein, hast du nicht. Was ist los?“

„Bist du noch im Terminal?“

„Wo sollte ich sonst sein?“

„Es ist etwas passiert.“

Das Gespräch dauert keine Minute, da bin ich schon auf dem Weg nach draußen.

Karens Geschichte ist wirr. Sie handelt von einem Co-Piloten, der sich als Reporter ausgibt und etwas mit dem Tod von Robert Terry zu tun haben soll, und von Henry, der Zugangskarten verkauft und Drogen nimmt. Trotzdem ist es mehr, als ich bislang herausgefunden habe.

„Wo ist Henry jetzt?“, frage ich nach dem Funkloch des Fahrstuhls.

„Ich weiß es nicht.“

„Ich muss mit ihm sprechen.“

„Ich habe das ganze Hotel nach ihm abgesucht“, sagt Karen. „Er ist einfach weggelaufen.“

„Hast du es bei ihm zu Hause versucht?“

„Ja, ohne Erfolg. Ans Handy geht er auch nicht.“

„Versuch‘s weiter. Ich bin in zwei Minuten bei dir.“

Ich lege auf und jogge durch das Terminal.

Karen sieht besser aus, als sie sich anhört. Ihre Augen sind rot und etwas geschwollen, doch das sind auch schon die einzigen Spuren der Katastrophen, die sich in den vergangenen Stunden ereignet haben. Sie hat sich im Griff.

„Die beiden sind gerade runtergekommen“, flüstert sie und beugt sich über den Tresen. Abgesehen von uns ist die Lobby leer. „Sie sitzen jetzt beim Frühstück.“

„Und du bist sicher, dass der Co-Pilot in Robert Terrys Zimmer war?“

„Ich bin gar nichts, Leo.“ Sie hebt abwehrend die Hände. „Aber Henry ist überzeugt davon. Offen gesagt, weiß ich nicht, was ich davon halten soll.“

„Es war richtig, dass du mich angerufen hast.“

„Ich wusste nicht, an wen ich mich sonst hätte wenden sollte. Ich will nicht, dass Henry Probleme bekommt. Er hat auch so schon genug.“ Sie sieht mich an. „Was wirst du jetzt tun?“

Der Eingang zum Restaurant liegt gegenüber der Rezeption. Leises Geschirrgeklimper hallt herüber. Ein Kellner schiebt einen Servicewagen mit Wärmekannen vor sich her.

„Ich werde mich mit den Piloten unterhalten. Mal schauen, was dabei rumkommt.“

Karen sieht nicht so aus, als würde sie dies für eine besonders gute Idee halten.

„Wenn wir keine Beweise finden, sind die beiden in nicht einmal zwei Stunden weg“, sage ich. „Dann ist es zu spät, um noch etwas zu unternehmen.“

„Sei vorsichtig.“

Das Restaurant ist groß und beinahe leer. Meng Fanlong und Zhang Zhilei sitzen nebeneinander in ihren blauen Uniformen auf der Bankseite eines Vierer-Tisches. Ich stelle mich vor und frage, ob ich mich kurz zu ihnen setzen darf. Meng Fanlong, der Kleinere, deutet mit einem höflichen Lächeln auf den Stuhl ihm gegenüber.

„Bitte.“

„Tut mir leid, dass ich Sie beim Frühstück störe“, sage ich, nachdem ich Platz genommen habe.

„Das macht nichts“, entgegnet Meng Fanlong.

Vor ihm steht ein Tasse Tee. Sonst nichts. Auf Zhang Zhileis Seite des Tisches streiten sich zwei halbvolle Buffet-Teller, eine Schüssel mit Haferflocken, eine Schale mit Obstsalat und zwei Kaffeetassen um einen Platz in der ersten Reihe.

„Wir haben gehört, es gab einige Aufregung letzte Nacht“, übernimmt Meng Fanlong die Initiative. Sein Englisch ist besser als das der meisten Amerikaner. „Es gab einen Selbstmord?“

„Das ist richtig.“

„Einer unserer Passagiere?“

Ich nicke.

„Bedauerlich, sehr bedauerlich.“ Das Lächeln wird durch einen absolut neutralen Gesichtsausdruck ersetzt. „Wie können wir Ihnen behilflich sein, Mr. Fanlay?“

„Sie kennen den Toten“, entgegne ich in Zhang Zhileis Richtung, doch der groß gewachsene Pilot sitzt nur unbeteiligt da. Anscheinend ist ihm der Appetit vergangen.

„Wie dürfen wir das verstehen?“, fragt Meng Fanlong stattdessen und stellt damit klar, wer von den beiden der Außenminister ist.

„Der Tote heißt Robert Terry. Er war es, der Ihr Gespräch gefilmt und daraufhin die Sicherheitskräfte informiert hat.“

„Oh …“ Meng Fanlong unterbricht seine Zurschaustellung von Ausgeglichenheit. „Aber Sie meinen doch nicht etwa …?“

Er führt nicht weiter aus, was genau ich meinen oder nicht meinen soll, also antworte ich: „Das versuchen wir gerade herauszufinden.“

„Die Polizei?“

„Auch die Polizei.“ Ich wende mich wieder an Zhang Zhilei, der weiterhin mit gefalteten Händen dasitzt. „Haben Sie Mr. Terry noch einmal gesehen, nachdem das Flugzeug geräumt wurde?“

Wieder ist es Meng Fanlong, der antwortet. „Wir haben ihn weder danach noch davor gesehen. Wir kennen sein Gesicht nur von den Fotos, die uns die Polizei gezeigt hat.“

„Ich verstehe. Und hier im Hotel?“

„Nur von den Fotos“, wiederholt Meng Fanlong.

„War auch nur so ein Gedanke … Es wäre durchaus nachvollziehbar, wenn Sie nach dem, was passiert ist, ein Bedürfnis gehabt hätten, mit ihm zu reden.“

„Ich muss Sie leider enttäuschen, Mr. Fanlay. Ein Versöhnungsgespräch hat nicht stattgefunden.“

Er nimmt sein Tasse und trinkt den Tee in einem langen Zug aus.

„Bitte entschuldigen Sie uns jetzt. Wir müssen uns auf den Flug vorbereiten.“

Er steht auf. Zhang Zhilei folgt ihm wortlos, womit auch die Rolle des Innenministers vergeben ist.

„Es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Meng Fanlong deutet eine Verbeugung an. Der Gleichmut ist aus seinem Gesicht verschwunden. Geblieben sind kleine, schwarze Augen in einer kalten Maske.

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