Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 20

Duane Parker 

„Inspektor Bailey hat die Flugdaten von Robert Terry angefordert“, sagt Jennings und zwingt mich ein weiteres Mal dazu stehenzubleiben. „Wie sollen wir uns diesbezüglich verhalten?“

Wenigstens ins Terminal habe ich es schon mal geschafft. Eigentlich wollte ich längst in meinem Escalade sitzen und auf dem Weg nach Hause sein, doch Jennings und seine dämlichen Fragen lassen mich einfach nicht.

„Geben Sie ihm die Flugdaten.“

„Er hat sich auch nach dem Protokoll der Befragung erkundigt.“

„Geben Sie ihm, was er braucht.“

„Er hat keine richterliche Verfügung.“

„Das ist mir scheißegal“, sage ich, weil Jennings es sonst anscheinend nicht versteht. „Je schneller die Polizei ihre Ermittlungen abschließt, desto schneller können auch wir einen Deckel auf die Sache machen.“

„Aber –“

„Ich habe den Jungen gesehen. Der hatte nicht einmal einen eingerissenen Fingernagel. Er hat sich umgebracht. Ist mit einer Packung Schlaftabletten ins Bett gestiegen und nicht wieder aufgewacht. Das ist schlimm, eine Tragödie, aber nicht unser Problem. Also geben Sie Bailey, was er braucht, um das Ganze zum Abschluss zu bringen. Ich habe keine Zeit für solchen Schwachsinn!“

Ich muss an die Aktenordner auf meinem Schreibtisch denken, an Agent Myers und seine internen Untersuchen, und ich spüre, wie meine Laune ihre Talfahrt fortsetzt.

„Ich dachte ja nur wegen der Vorschriften“, entgegnet Jennings kleinlaut.

„Und ich denke an meinen Feierabend!“, gebe ich in doppelter Lautstärke zurück. Ich schaue auf meine Armbanduhr. „In 45 Minuten beginnt der Flugbetrieb. Ich will, dass bis dahin die Astronauten und ihre Absperrbänder aus dem Terminal verschwunden sind. Ist das klar?“

Jennings nickt schnell.

„Kriegen Sie das hin?“

Seine Mundwinkel zucken. Alles in seinem Gesicht schreit so laut Ich weiß es nicht, dass er mir fast leid tut.

„Selbstverständlich, Sir. Ich kümmere mich darum.“

„Gut.“ Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter, eine Geste, die eigentlich väterlich wirken soll, sich aber einfach nur seltsam anfühlt. „Ich verlasse mich auf Sie.“

Ich drehe mich um und setze meinen Weg fort, fest entschlossen, kein weiteres Mal stehenzubleiben, ganz egal, was Jennings glaubt, noch fragen zu müssen. Zum Glück erspart er uns beiden die Peinlichkeit.

Das Terminal füllt sich bereits. Viele Geschäftsleute, einige Urlauber. Ein normaler Morgen an einem gewöhnlichen Wochentag. Bookbinder steht hinter dem Tresen seiner Bar. Von Marys Café zieht der Geruch frisch gebackener Waffeln herüber. Ich denke an den Pfannkuchenteig in meinem Kühlschrank und vergrößere meine Schritte, doch bereits vor dem Ausgang muss ich wieder langsamer werden, weil mir die Luft fehlt.

Verdammte Baby Ruths, verdammte Schokoriegel. Verdammter Job, verdammter Stress.

Der Himmel ist grau. Der Parkplatz darunter nass vom letzten Regenschauer. Ich brauche einen Moment, um mich daran zu erinnern, wo mein Wagen steht. Auf halbem Weg beginnt es zu nieseln. Ich sollte zu Hause sein. Zu Hause bei meiner Familie sein. Zu Hause bei meiner demenzkranken Frau und meiner querschnittsgelähmten Tochter.

Danke, Robert Terry, ein herzliches Fick dich dafür.

Und auch für dich, Lennard Fanlay, du beschissener Saubermann, der einfach nicht aufhören kann, nach Kacke zu graben, um sie mir vor die Füße zu werfen. Fick dich und deine Anschuldigen! Ich kenne meine Leute, es gibt keinen Verräter, keinen Maulwurf, keine Ratte.

Fick dich, Agent Myers, mit deinen internen Untersuchungen.

Fick dich, Inspektor Bailey, fick dich, Jennings, und fick dich, Stanley, du verdammter Krüppel, der mir jeden Tag vor Augen hält, dass ich versagt habe.

Fick dich, Abraham Norton, dafür, dass dieses Scheißloch von einem Flughafen deinen Namen trägt.

Das Gesicht im Fahrerfenster des Escalades ist blass und aufgequollen. Die Wangen hängen schlaff herab wie zwei nasse Lappen, darunter quillt Fleisch aus dem Hemdkragen.

Nein.

Fick dich, Duane Parker!

Du wütender alter Sack. Du fettes Schwein. Fanlay hat recht: Dir ist alles egal. Du willst nur nach Hause. Dann geh doch! Verpiss dich und komm bloß nicht zurück.

Ich ziehe das Handy aus der Tasche. Ich tue etwas, dass ich schon vor langer Zeit hätte tun sollen. Nach dem siebten Klingeln meldet sich jemand.

„Das mit dem Video hat sich erledigt“, sage ich. „Fanlay hat die Speicherkarte nicht mehr. Angeblich wurde sie ihm gestohlen.“

„Ich habe alles versucht, Sir“, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung.

„Aber es gab eine Kopie.“

Stille.

„Haben Sie sie bereits der Polizei übergeben?“, fragt der Mann.

„Nein, sie liegt noch bei mir im Büro. Ich gebe sie Inspektor Bailey morgen persönlich.“

„Wenn Sie möchten, übernehme ich das.“

„Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich gesagt Sorgen Sie dafür, dass Inspektor Bailey das Video bekommt. Ich habe aber gesagt Ich gebe Sie ihm morgen persönlich.“

„Natürlich, Sir.“

„Gut. Das war‘s auch schon.“

„In Ordnung“, sagt der Mann. Seine Stimme klingt gequält. Bestimmt tun seine Knochen weh bei diesem Wetter. Vielleicht ist da auch noch mehr.

Ich lege auf.

Dann gehe ich zurück ins Terminal.

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