Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 21

Lennard Fanlay 

Wieder am Schreibtisch. Wieder am Monitor.

Das Video läuft als Endlosschleife. Ich glotze. Nach genau 48 Sekunden fängt es wieder von vorne an. Mein Kopf ist eine Bienenwabe. Mit jeder Wiederholung wird das Summen lauter.

Eine Zeitlang schalte ich die Boxen aus und glotze nur auf den Monitor. Vielleicht sind es die Bilder, nicht das Gespräch. Vielleicht hat Robert Terry etwas gefilmt, was er besser nicht gefilmt hätte.

Ich finde nichts.

Dann stelle ich den Sound wieder an und stiere abwechselnd auf Bildschirm und Übersetzung. Marcs Protokoll ist penibel und korrekt wie sein Seitenscheitel.

Ist alles in Ordnung?

Vier kurze Sätze.

Ehrwürdiger Yun-Fat, ist es serviert?

Keiner länger als ein Atemzug.

Schweig!

So viele Arten, sie zu verstehen.

Ist die Ladung an ihrem Platz?

So wenig Antworten.

Das Video springt zurück zum Anfang. Ich drehe mich im Kreis. Sieben Uhr fünfzehn. Keine dreißig Minuten mehr bis zum Start. Die Zeit läuft ab. Die Bienen fliegen.

„Ich dachte mir schon, dass Sie noch hier sind.“

Ich schaue zur Tür. Es ist Marc. Er sieht so aus, wie ich mich fühle.

„Was tun Sie hier?“, frage ich und stoppe die Aufnahme.

„Dasselbe wie Sie.“ Er lächelt.

„Und was wäre das?“

Er antwortet nicht.

„Sie wissen, was passiert ist?“, frage ich.

Marc nickt. „Im Groben. Ich habe auf dem Weg Rachel getroffen. Ihre Schicht ist gerade zu Ende.“ Er zieht seine Jacke aus, legt sie über die Stuhllehne und setzt sich mir gegenüber. „Also, was haben wir?“

„Genauso viel wie vorher“, sage ich und reibe mir die Augen. „Allerdings wissen wir jetzt, dass wir etwas übersehen haben. Irgendetwas in diesem Video hätte nicht dokumentiert werden dürfen. Ein Geheimnis. Ein Fehler.“

„Schon eine Idee?“

„Hunderte. Aber keine passt.“ Auf einmal fühle ich mich sehr müde. „Sie sollten nicht schon wieder hier sein. Sie sollten zu Hause sein und schlafen. Oder mit Ihrer Freundin am Frühstückstisch sitzen. Wie es normale Leute tun.“

„Wir sind verlobt“, entgegnet Marc und bringt es tatsächlich fertig, über beide Ohren zu strahlen. „Im Frühling wollen wir heiraten.“

„Trotzdem“, sage ich und versinke in meinem Bürosessel. „Oder gerade dann. Können Sie sich aussuchen.“

„Wenn ich schon mal da bin, kann ich es doch wenigstens versuchen. Mit frischen Augen sozusagen.“

„Tun Sie sich keinen Zwang an.“

Ich rappele mich auf, um den Monitor herumzudrehen und den Notizblock auf die andere Seite des Schreibtischs zu legen. Einen Mausklick später läuft die Aufnahme wieder. Ich schließe die Augen.

Alles wird dumpfer. Das Rauschen, die Stimmen, das Surren. Als wäre es in Watte gepackt. Als wäre ich in Watte gepackt. Die Stimmen entfernen sich. Ich gleite davon.

„Da stimmt doch was nicht“, sagt Marc plötzlich ziemlich laut, und ich schrecke auf.

Er sieht mich an. „Das kann so nicht stimmen.“

„Was meinen Sie?“

„Die Namen.“

Ich zucke mit den Schultern. Ich verstehe es nicht.

„Inspektor Bailey sagte, dass der Kleinere, der Co-Pilot, Meng Fanlong heißt.“

„Kann schon sein. Warum?“

„Meng Fanlong“, sagt Marc wieder. Er tippt auf den Notizblocks. „Ich hab‘s mir extra aufgeschrieben.“

„Wieso ist das wichtig?“

„Weil der Größere hier im Video ihn mit Yun-Fat anspricht. Woraufhin sein Kollege ja auch mächtig sauer wird.“

Der Name, denke ich. Es ist nicht die Frage, die ihn verärgert, es ist der Name. Der falsche Name. Der richtige Name. Vielleicht ein Spitzname. Vielleicht auch ein bedeutungsloses Versehen.

Oder der Fehler, nach dem ich die ganze Zeit über gesucht habe. Das Geheimnis, das Robert Terry das Leben gekostet hat.

Keine zwei Minuten später hetzen wir bereits durch das Terminal.

„Die Piloten …“, keuche ich in mein Handy. „Sind die noch im Hotel?“

„Haben gerade ausgecheckt“, entgegnet Karen am anderen Ende. Sie wechselt in einen aufgeregten Flüsterton. „Konntest du was herausfinden?“

„Möglich.“ Zu mehr fehlt mir die Luft. „Ich melde mich.“

Über unseren Köpfen verkünden die blauen Monitore, dass die Maschine nach Shanghai zum Boarding bereitsteht. Bis zum geplanten Abflug sind es keine neun Minuten mehr. Deshalb rennen wir.

„Der Co-Pilot ist also unter falschem Namen eingereist“, sagt Marc und klingt dabei beneidenswert unangestrengt. „Aber warum? Um Robert Terry umzubringen?“

Ich schüttele den Kopf. „Es ging nicht um Robert Terry. Es geht darum zu verhindern, dass Mr. Khin die Verträge mit der Stark Foundation unterschreibt.“

„Okay, dann musste Robert Terry sterben, weil er versehentlich das Gespräch zwischen dem Piloten und seinem angeblichen Co-Piloten gefilmt hat.“

Ich nicke.

„Wodurch wiederum Yun-Fat seine falsche Identität gefährdet sah. Vor allem, nachdem ihr Flug aufgrund von Mr. Terry gecancelt wurde.“

Ich nicke noch einmal.

Die Sicherheitskontrolle zwingt uns, unsere Schritte kurz zu verlangsamen. Ich schnaufe wie ein Asthmakranker.

„Dann ist Yun-Fat also der Attentäter“, sagt Marc, nachdem wir unsere Ausweise gezeigt haben und durchgewunken wurden. „Der Spezialist, den man eiligst hergeschickt hat, um ein Unterzeichnen der Verträge zu verhindern.“

Ich denke an das Wort mit den zwei Bs, doch ich spreche es nicht aus. Nicht einmal leise. Marc sieht aus, als habe er denselben Gedanken. Wir beschleunigen unser Tempo.

An der Mittelachse angekommen, ruckt mein Blick erneut nach oben zu den Monitoren. Der Shanghai-Flug startet von Gate A28. Eines der äußersten Gates. Gehzeit 12-15 Minuten, ergänzt ein Schild unter den Anzeigen.

„Die Maschine darf auf keinen Fall aufs Rollfeld“, schnaufe ich. „Dann ist es zu spät, um sie noch aufzuhalten.“

Krampfhaft überlege ich, wie ich uns mehr Zeit verschaffen kann, als Marc zum Sprint ansetzt. Der Junge ist wirklich in Form. Ich versuche mitzuhalten, muss jedoch bereits nach wenigen Metern einen Gang zurückschalten.

„Laufen Sie vor!“, japse ich. „Ich komme nach!“ Es ist kaum mehr als ein Pfeifen.

Trotzdem scheint Marc mich verstanden zu haben. Mit weit ausholenden Schritten fliegt er davon. Bei A12 ist er bereits im lockeren Strom der Reisenden verschwunden. A17. Mein Kopf glüht, Schweiß rinnt über mein Gesicht. A23. Schon von weitem sehe ich, dass es Probleme gibt.

Marcs Lauf hat bei der Bordkarten-Kontrolle ein jähes Ende gefunden. Drei TSA-Beamte versperren ihm den Weg. Marc gestikuliert wild, die Uniformierten sehen unbeeindruckt aus. Der Wartebereich des Gates ist leer, doch der Finger, der Gang, der Flugzeug und Gate miteinander verbindet, wurde noch nicht eingezogen. Es ist noch nicht zu spät.

Ich hole das letzte aus meinem Körper heraus, während mein Gehirn bereits mit der Frage beschäftigt ist, wie wir an den TSA-Beamten vorbeikommen. Es führt zu keinem Ergebnis. Mir fehlt der Sauerstoff. Anscheinend hört Marc mich näherkommen, denn er dreht sich zu mir um und tut dann etwas sehr Überraschendes. Überraschend sowohl für mich als auch für den Uniformierten direkt vor ihm, dem er einen ansatzlosen Kinnhaken verpasst. Der Beamte ist bewusstlos, noch bevor er auf dem Boden aufkommt. Marc nutzt die allgemeine Schrecksekunde und sprintet davon. Die verbleibenden Uniformierten nehmen seine Verfolgung auf. Der Zugang zum Finger ist frei.

Ich trabe an dem erschrockenen Bodenpersonal vorbei in den Gang. An dessen Ende ist gerade ein dünner, blasser Steward dabei, die Kabinentür zu schließen. Er sieht mich irritiert an, weshalb ich ihm gleich meinen Ausweis ins Gesicht strecke.

„Lennard Fanlay … Flughafensicherheit.“

Er wirkt weiterhin unschlüssig. Mir wird klar, dass ich einen neuen Plan brauche, also drücke ich kurzerhand die halb geschlossene Kabinentür wieder auf und dränge mich an dem verdutzten Steward vorbei ins Flugzeug.

„Aber Sie können doch nicht einfach –“, setzt er an.

„Ich bin widerrechtlich eingedrungen“, bestätige ich. „Ich bin eine mögliche terroristische Bedrohung. Sie müssen umgehend die Sicherheitsbehörden informieren.“

Der Steward ist entweder taub oder hat sein Handbuch nicht gelesen, jedenfalls glotzt er mich nur verdattert an.

„Bombe“, sage ich und denke: Gefährlichen Eingriff in den Flugverkehr, doch was bleibt mir schon anderes übrig. „Ich bin im Besitz einer Bombe.“

Das B-Wort bricht den Bann. Der Steward erbleicht und tastet sich rückwärts Richtung Bordtelefon. Endlich.

„Informieren Sie die Sicherheitsbehörden“, sage ich noch einmal. „Das Flugzeug darf auf keinen Fall starten.“

Es ist überflüssig. Er telefoniert bereits. Mit so zittriger Stimme, dass ich kaum ein Wort verstehe.

Die Frage „Warum ist die Kabinentür noch nicht geschlossen?“ ist dafür laut und deutlich zu vernehmen. Ich erkenne sogar die Stimme.

Meng Fanlong hingegen erkennt mich erst, als er mich sieht. Er steht in der Cockpit-Tür und glotzt mich mit seinen Eiswürfel-Augen an.

„Wir müssen uns noch mal unterhalten, Mr. Fanlong“, sage ich und denke: Du bist verrückt, Leo. „Oder soll ich Sie lieber ehrwürdiger Yun-Fat nennen?“ Ich kann einen leicht süffisanten Unterton nicht vermeiden.

Yun-Fat will die Tür zuschlagen, doch in dem engen Gang muss er dafür einen Schritt zurücktreten, außerdem bin ich vorbereitet.

„Verlassen Sie das Flugzeug!“, brüllt er und versucht, mich aus dem Cockpit zu drängen. Er ist erstaunlich kräftig für seine Größe, aber er ist auch an die 50 Pfund leichter als ich. Ich versetze ihm einen Stoß. Er stolpert rückwärts und prallt gegen den Pilotensitz, in dem sich nun auch Zhang Zhilei zu uns umdreht.

„Ganz ruhig“, sage ich, während ich in meinem Kopf die Liste meiner Vergehen um Versuchte Körperverletzung erweitere. „Es ist vorbei. Das Flugzeug wird nirgendwohin –“

Es geht so schnell, dass ich die Gefahr erst bemerke, als Yun-Fat mir seinen Ellbogen in die Rippen rammt. Ich krümme mich vor Schmerz. Es fühlt sich an, als wäre mein Blinddarm durchgebrochen. Mein Kopf schlägt gegen die Gangwand, Yun-Fat ist über mir, seine Linke an meinem Kinn, in seiner rechten eine lange Nadel, deren Ziel mein Hals ist. Ich denke an Robert Terry, den unverletzten Toten und Panik ergreift mich. Ich packe das Handgelenk und drücke die Nadel weg von mir, während ich versuche, auch Yun-Fats anderen Arm unter Kontrolle zu bringen. Ein weiteres Mal setzt sich Kraft gegen Technik durch, und es gelingt mir, auf die Beine zu kommen. Ich hole mit der freien Hand aus, um Yun-Fat eine Gerade zu verpassen, dann schlägt etwas Hartes gegen meinen Hinterkopf und der Vorhang schließt sich.

Mein Körper fällt auf die Knie und sackt zur Seite.

Der Cockpit-Boden.

Über mir Yun-Fat und Zhang Zhilei, noch immer angeschnallt im Pilotensitz.

Und der dürre, bleiche Steward.

In seiner Hand eine Magnum-Champagnerflasche.

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