Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 24

Karen Donell

Feierabend.

Ich sitze in der Lobby auf einem der tiefen, niedrigen Sofas und frage mich, warum ich noch immer hier bin. Die Antworten gefallen mir nicht.

Die Passagiere des gecancelten Flugs haben bereits am frühen Morgen ausgecheckt. Das Hotel wirkt wie ausgestorben. Die Übergabe an die Tagesschicht verlief überraschend reibungslos. Die Luftqualität des Pausenraums erinnert zwar weiterhin an ein Nachtlokal in den 30er Jahren, doch niemand verliert ein böses Wort darüber. Die Zimmermädchen mussten die gesamte vierte Etage in Rekordzeit vorbereiten. Nur Suite 407 bleibt geschlossen.

„Hast dich gut gehalten“, sagt Molly, die Tages-Rezeptionistin. „Manchmal kommt halt alles auf einmal. Da kann man nichts machen. Nur versuchen, die Nerven zu behalten.“

Molly hat mich damals eingearbeitet. Mit ihren blond gefärbten Locken und dem harten Mund erinnert sie mich an meine Mutter. Dabei ist sie gerade einmal elf Jahre älter als ich. Das bringt der Job wohl mit sich. Man altert schneller.

„Ich geh mal lieber wieder rüber“, sagt Molly. „Der Birmane müsste bald ankommen.“

Sie hat gerade die Rezeption erreicht, als sich der Fahrstuhl öffnet und Mr. Marquez hinaustritt. Wenn ich meine Augen unscharf stelle, sehe ich einen aufgeregten, kleinen Jungen vor seiner Erst-Kommunion.

„Sie sind noch hier?“, fragt er im Näherkommen. Er hat den silbergrauen Dreiteiler gegen einen schlichten schwarzen Anzug getauscht. Erschien ihm wahrscheinlich passender, um einen internationalen Geschäftsmann zu empfangen. „Sind Sie … Sind Sie in Ordnung?“

„Ja, klar.“

„Gut.“ Er rückt seinen Krawattenknoten zurecht. „Gut, gut. Dann … Sie sollten nach Hause gehen, Karen. Es war eine lange Nacht.“

„Ja …“

„Außerdem sind die Sitzmöglichkeiten in der Lobby für unsere Gäste vorgesehen.“ Er schenkt mir ein dünnes Zahnfleischlächeln. „Sie kennen ja die Vorschriften.“

Ich starre ihn entgeistert an. Eigentlich müsste ich längst daran gewöhnt sein. Ich bin es nicht.

Die Eingangstüren surren auseinander, schnelle Schritte kommen näher, und Mr. Marquez‘ Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen.

Ich drehe mich um.

„Karen! Gut, dass Sie noch da sind!“ Es ist Marc, Leos junger Kollege. Er ist aufgeregt, fast panisch. „Sie … Sie müssen mir helfen!“

Ich stehe automatisch auf. In meinem Magen klafft plötzlich ein dickes Loch.

„Was ist passiert?“, frage ich. „Ist etwas mit Leo?“

„Wir …“, beginnt er und sieht Mr. Marquez an.

„Das ist unser Nacht-Manager Mr. Marquez“, erkläre ich.

Mr. Marquez streckt sein Kinderkinn in die Luft. „Dürfte ich erfahren, was hier vor sich geht?“

„Marc Irving von der Flughafensicherheit“, stellt sich Marc vor.

„Und weiter?“

„Wir haben … wir haben den begründeten Verdacht, dass sich in Ihrem Hotel eine Bombe befindet.“

Einen Moment lang ist es still.

„Blödsinn!“, zischt Mr. Marquez.

„Bitte, glauben Sie mir“, sagt Marc. „Sie schweben alle in großer Gefahr. Wir müssen das Hotel umgehend –“

„Gar nichts müssen wir! Wir erwarten jeden Moment einen wichtigen Gast aus Asien! Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?“

Marc sucht nach neuen Worten.

„Wo?“, frage ich.

„Wir gehen davon aus, dass dieser birmanische Geschäftsmann das Ziel ist.“

„Sie verlassen jetzt umgehend mein Hotel!“ Mr. Marquez‘ Zeigefinger weist zum Terminal hinaus. „Umgehend!“

„Hören Sie, Mr. Marquez, das Entschärfungs-Kommando ist bereits auf dem –“

„Raus! Raus mit Ihnen!“

Ich denke an Mr. Khins Suite und an den angeblichen Reporter, der ein Mikrofon darin verstecken wollte.

„Ich glaube, ich weiß, wo“, sage ich zu Marc und wende mich in Richtung der Fahrstühle. „Kommen Sie!“

„Karen!“, schreit Mr. Marquez mir nach. „Sie kommen sofort zurück! Das ist eine Dienstanweisung!“

Aber da ist es sowieso schon zu spät.

Im Fahrstuhl erkläre ich Marc in hektischen Worten, was mein Verdacht ist. Ich bin mir nicht sicher, ob er alles versteht.

„Wenn es eine Bombe gibt“, sage ich, während wir durch den Korridor im vierten Stock laufen, „dann wird sie nicht hochgehen, bevor Mr. Khin angekommen sind.“

„Wahrscheinlich wurde ohnehin ein Druckzünder verwendet. Für eine Zeitzündung gibt es zu viele Verspätungen im Flugverkehr.“

„Also kann das Ding explodieren, wenn wir nicht aufpassen?“

„Wir rühren die Bombe nicht an. Das überlassen wir den Experten.“

„Aber es kommt auch sicherlich jemand?“

Marc nickt. „Leo kennt jemanden beim Entschärfungskommando.“

Die Tür zur Suite 407 ist mit einem X aus Absperrband überklebt. SFPD steht darauf.

„Hier ist es“, sage ich. „Das ist das Zimmer, zu dem der Co-Pilot Zugang hatte.“

Marc reißt die Plastikbänder herunter, ich ziehe meine Karte durch das Lesegerät, und wir gehen hinein. Das Zimmer sieht genauso aus wie letzte Nacht, als wir Robert Terry gefunden haben. Nur die Matratze und das Bettlaken mit den Schlaftabletten darauf sind nicht mehr da.

Marc geht im Raum auf und ab.

„Haben Sie irgendeinen Hinweis darauf, wo die Bombe versteckt sein könnte?“, frage ich.

Er schüttelt den Kopf.

„Wie sieht so eine Bombe denn aus?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“

Marc geht zum Sofa und beginnt, vorsichtig die Polster herunterzunehmen.

„Vielleicht sollten wir doch lieber auf das Entschärfungskommando warten“, sage ich.

„So viel Zeit haben wir nicht. Sobald die TSA hier ist, wird man mich festnehmen. Ohne Beweise wird uns niemand glauben, dass es eine Bombe gibt.“

Ich schaue mich um, halb gelähmt durch Angst, halb durch Ratlosigkeit, als mir ein Gedanke kommt.

Die Spurensicherung war hier.

„Die haben alles auf den Kopf gestellt“, sage ich.

„Wer?“, fragt Marc. Schweiß tropft von seiner Stirn.

„Die Spurensicherung des SFPD. Die haben nach dem Tod von Robert Terry die gesamte Suite auseinandergenommen. Zu diesem Zeitpunkt muss die Bombe aber bereits hier gewesen sein.“

Marc schaut auf. „Sind Sie sicher, dass es dieses Zimmer war?“

„Ja, ganz sicher.“

Er legt das Polster zurück auf die Couch. „Wenn es etwas zu finden gab, hätten die es eigentlich finden müssen.“

„Genau.“

„Dann hat Yun-Fat die Bombe nach dem Mord von Robert Terry wieder mit sich genommen. Er musste ja sowieso damit rechnen, dass in diesem Zimmer erst einmal niemand mehr wohnen würde, oder? Haben Sie noch andere Suiten?“

„Ja, noch eine. Aber die ist wegen eines Wasserschadens nicht bewohnbar.“

Marc streicht sich durch die Haare. „Gab es irgendeine Möglichkeit für Yun-Fat herauszufinden, in welches Zimmer Mr. Khin kommen würde?“

„Nein, keine. Zu dem Zeitpunkt wussten wir das ja selbst nicht mal. Das Hotel war bis unters Dach überbucht.“

„Er muss einen Weg gefunden haben.“

Ich überlege. „Es gibt eigentlich keinen.“

„Doch. Es muss einen geben. Yun-Fat muss einen Weg gefunden haben, die Bombe im richtigen Zimmer zu deponieren. Aber wie?“

Ich erstarre. Ich kenne die Antwort.

„Weil er die Bombe gar nicht selbst deponiert hat.“

„Wer dann?“

„Ich.“

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