Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 25

Duane Parker

Ich muss eingedöst sein, denn ich sehe Ellie vor mir. Sie kniet in unserem Blumenbeet und pflanzt Karottensetzlinge ein. Sie trägt ein langes Sommerkleid, darüber eine grüne Gartenschürze und einen großen Strohhut. Die Sonne steht bereits tief, knapp über dem Holzzaun, doch die Wärme des Nachmittags ist noch nicht verflogen. Es muss das alte Haus sein, das in Parkside, denn die große Steinmauer ist nicht da und der Garten liegt auf der Rückseite, wo sich jetzt der Pool und die Grillecke befinden. Ich stehe in der Hintertür. Ein Jackett hängt über meiner Armbeuge, in meiner Hand halte ich eine Aktentasche. Ellie wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, weil ihre Hände voller Erde sind. Sie sieht glücklich aus, und ich spüre etwas, das ich beinahe vergessen hatte. Zufriedenheit.

Ich bemerke Stanley erst, als er bereits mitten im Raum steht. Für einen Krüppel kann er sich verflucht leise bewegen. Der Strahl seiner Mag-Lite ruht auf dem Schreibtisch. Er selbst hingegen starrt angestrengt in meine dunkle Ecke.

„Ich wusste es“, sagt er.

„Dann wärst du besser nicht hergekommen“, entgegne ich.

„Ging nicht anders.“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich brauche die Aufnahme.“

„Für wenn arbeitest du?“

„Für den, der am meisten zahlt. Was glaubst du, was das alles kostet?“ Er beleuchtet sein Bein. „Die Behandlungen, die Medikamente, die Umbauten. Ich brauche einen Haltegriff über meiner Toilette, damit ich nach dem Kacken aufstehen kann.“

„Du hättest zu mir kommen können, wenn es Probleme mit der Versicherung gibt.“

Stanley verzieht sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen. „Und dann was? Wenn es nach dir ginge, wäre ich doch schon lange nicht mehr hier!“

„Das stimmt nicht“, sage ich, obwohl ich es besser weiß.

„Scheiß drauf“, sagt Stanley. „Also, wo ist die Kopie?“

„Es gibt keine. Zumindest weiß ich von keiner.“

Er legt den Kopf schief und leuchtet in mein Gesicht. Ich schirme meine Augen mit der Hand ab.

„Es gibt keine?“, fragt Stanley. „Warum dann das alles? Du wusstest doch schon lange, was hier vor sich geht. Komm schon, Duane, du musst es gewusst haben!“

„Jetzt ist es auf jeden Fall zu Ende.“

„Ach ja? Was willst du jetzt tun?“ Er lacht. „Ich sage dir, was du tun wirst, Duane. Du machst gar nichts. Du bleibst auf deinem fetten Arsch sitzen und sorgst dafür, dass alles so bleibt, wie es ist. Andernfalls …“ Er macht eine Pause. „Andernfalls könnte meine Erinnerung daran, was damals auf dem Rollfeld passiert ist, zurückkehren. Ich könnte mich daran erinnern, dass du es warst, der uns in die Hölle geschickt hat. Die Hölle, die mich die Gesundheit und Blackmore das Leben gekostet hat.“

Das Desmond-Asher-Desaster. Lange Zeit habe ich mich gefragt, warum Stanley vor dem Untersuchungsausschuss nicht ausgesagt hatte. Und ein Teil von mir hatte glauben wollen, dass er tatsächlich vergessen hatte, was damals passiert war. Posttraumatische Störungen. Was weiß ich denn schon?

„Wir verstehen uns?“, fragt Stanley.

Ich nicke. „Wir verstehen uns.“

Ich überbrücke die vier Meter zwischen uns mit drei kräftigen Schritten und schlage ihm die Taschenlampe aus der Hand. Ein heißer Schmerz fährt hinauf bis in meine Schulter. Stanley reagiert wie ein toter Gaul. Nämlich gar nicht. Die Mag-Lite kracht laut gegen die Wand und zu Boden, bleibt dabei aber ganz. Der Lichtkegel eiert über die Tapete und kommt neben der Tür zum Stehen.

Ich beuge mich zu Stanley hinunter. Sein Gesicht ist jetzt völlig gerade.

„Ich mache dich fertig. Und wenn ich selbst dabei untergehe.“

„Sei nicht dumm, Duane. Denk an deine Familie.“

„Es vergeht kein Augenblick, an dem ich das nicht tue.“

Unsere Köpfe berühren sich jetzt fast.

„Überleg dir genau, was du machst“, sagt Stanley und tritt einen Schritt zurück. „Es läuft doch alles gut so, wie es ist. Und wenn es um das Geld geht …“

„Verschwinde.“

„Wir können uns da bestimmt irgendwie –“

„Verschwinde!“

Stanley zuckt zusammen. Dann hebt er seine Taschenlampe auf und geht.

Und ich bleibe alleine zurück in der Dunkelheit.

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