Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 4

Lennard Fanlay 

Sie haben den aufgeregten, jungen Mann in dem Leinenanzug mitgenommen. Dafür ist Marc jetzt da.

Ein aufgeregter, junger Mann für den anderen.

Aber diesem hier kann ich vertrauen. Eine eindeutige Verbesserung der Situation.

Hinter uns spannen TSA-Beamte Absperrbänder über die Mittelachse. Eine überflüssige Maßnahme, da sich außer uns und einigen Reinigungskräften sowieso niemand mehr im Terminal aufhält, aber die TSA liebt nun mal ihre Absperrbänder. Der Mann, der sie angeordnet hat, heißt Jennings. Ich kenne ihn nur vom Namen, was bedeutet, dass er erst vor kurzem an den Abraham Norton Airport versetzt wurde. Er ist kaum älter als Marc.

„Mr. Fanlay, ich muss Sie bitten, sich hinter das Absperrband zu begeben“, sagt er und sieht dabei aus, als wären seine Weisheitszähne entzündet. Vielleicht liegt es auch daran, dass er das Pech hat, heute Nacht der ranghöchste Beamte im Terminal zu sein. Dass gerade er heute Nacht die Mütze aufhat.

„Was werden Sie jetzt tun?“, frage ich und fürchte mich insgeheim bereits vor der Antwort.

Jennings enttäuscht mich nicht.

„Wir halten das Flugzeug am Boden, bis das SFPD übernimmt“, sagt er und wirkt dabei gefährlich zuversichtlich. „Ich habe veranlasst, die Starterlaubnis hinauszuzögern.“

Ich schüttele den Kopf. „Das ist der letzte Flug des Tages. Alle Start- und Landebahnen sind frei. Da draußen ist niemand mehr, der im Weg sein könnte. Den Piloten wird es reichlich seltsam vorkommen, dass sie trotzdem keine Starterlaubnis erhalten. Und reichlich seltsam ist zurzeit das Letzte, was wir gebrauchen können. „

Jennings sieht aus, als wolle er tatsächlich etwas darauf entgegnen, doch dann folgt er wieder nur dem Handbuch: „Meine Anweisung lautet, den Bereich zu räumen und auf das Eintreffen des SFPDs zu warten. Bitte, Mr. Fanlay, machen Sie mir keine Schwierigkeiten.“

Sein Gesicht bekommt wieder diesen leidenden Ausdruck. Und ich komme zu dem Schluss, dass er einen entzündeten Weisheitszahn durchaus verdient hätte.

„128 Menschen sitzen in dieser Maschine. Menschen, für die Sie die Verantwortung haben. Für die wir die Verantwortung haben. Wir müssen sie da rausholen!“

„Ausgeschlossen! Das ist Aufgabe des SFPD.“

„Das SFPD braucht mindestens 30 Minuten, bis es einsatzbereit ist!“

„Woher wollen Sie das wissen?“, blafft Jennings unerwartet laut. „Das können Sie gar nicht wissen!“

„Weil das SFPD immer 30 Minuten braucht!“

Jennings kommt einen Schritt näher. „Ich werde nicht zulassen, dass Sie das Leben der Passagiere gefährden!“

„Die sitzen in einem Flugzeug, in dem sich möglicherweise eine Bombe befindet!“ Das B-Wort hallt laut durch die Mittelachse. „Was kann denn noch gefährlicher sein?“

Jennings antwortet nicht. Sein Gesicht verliert an Farbe.

„Und was glauben Sie, was passiert, wenn das SFPD die Maschine stürmt?“, setze ich nach. „Für den Fall, dass der Bombenleger nicht schon vorher ein seltsames Gefühl bekommt und auf den roten Knopf drückt!“

„Das SFPD hat Spezialisten für Geiselnahmen“, zitiert Jennings aus der Broschüre Verantwortung abgeben leicht gemacht.

„Mein Gott, Junge, bislang haben wir doch noch gar keine Geiselnahme!“

Plötzlich ist Jennings Gesicht sehr nahe, und ich spüre Marcs Hand auf meiner Schulter, die mich zurückzieht.

„Und es liegt an uns, dass es auch gar nicht erst so weit kommt!“

Jennings Mund öffnet sich und schließt sich wieder.

„Ich muss Sie auffordern, sich hinter die Absperrung zu begeben“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Andernfalls bin ich gezwungen, Sie entfernen zu lassen.“

„Das bringt doch nichts“, flüstert Marc, und ich höre, wie er sich bereits auf den Weg macht.

„Tun Sie das“, sage ich an Jennings gewandt. „Lassen Sie mich entfernen. Aber denken Sie auch daran, dass Sie dann hier die Verantwortung tragen. Außer Ihnen gibt es dann niemanden, auf den sich Parker stürzen kann, wenn er hier eintrifft.“

Ich glaube, ein Zucken in Jennings Gesicht zu entdecken. Der Name des Federal Security Directors bewirkt häufig Wunder. Vom Security Officer hoch bis zum Assistant Director. Duane Parker hat viel Zeit investiert, um seine Untergebenen schon beim Klang seines Namens erzittern zu lassen.

„Wie Sie meinen.“

Jennings Mund ist so schmal, dass er Mühe hat, diese drei Worte herauszupressen. Dann lässt er uns einfach stehen.

Wenigstens er sollte sich beim Eintreffen des SFPD hinter dem Absperrband befinden.

„Und jetzt?“, fragt Marc.

„Wir müssen die Passagiere in Sicherheit bringen.“

„Schon irgendwelche Ideen?“

Ich überlege.

„Bitte sagen Sie mir, dass das gerade eben nicht umsonst war!“, sagt Marc und hört sich dabei an, als fühle er sich nicht besonders wohl in seiner Haut. Aber das tut er eigentlich nie.

„Die beiden Frauen, die an der Bordkarten-Kontrolle standen … Holen Sie sie her!“

Marc hat auf einmal einen Notizblock in der Hand. „Kennen Sie Ihre Namen?“

„Nein.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, wo die beiden jetzt sind?“

„Wenn wir Pech haben, bei der TSA.“

Marc steckt den Block zurück in sein Jackett und seufzt. „In Ordnung.“

Er verzichtet auf weitere Fragen und setzt sich in Bewegung.

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