Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 7

Karen Donell 

Der Präsentkorb ist auf dem Weg. Es hat mich sieben Anrufe, dreiundzwanzig Minuten und fünf Zigaretten gekostet, aber er kommt.

Das australische Nationalteam der Synchron-Schwimmer musste ihre USA-Reise unterbrechen. Magendarmgrippe. Die ganze Mannschaft. Also kein Empfang im Hyatt. Keine Präsentkörbe. Pech für die Synchron-Schwimmer. Glück für mich.

Ich zerstampfe die restliche Glut mit dem Filter und verstaue den Aschenbecher wieder in der untersten Schublade. Erst als ich aufstehe, bemerke ich, wie verqualmt der Raum ist. Das kleine, fensterlose Nichtraucher-Büro, das wir uns mit der Tagesschicht teilen, sieht aus wie ein schottisches Hochmoor zum Herbstanfang. Ich muss an Henrys Worte denken. Dieses Hotel ist ein Monster! Es frisst dich mit Haut und Haaren!

Ich lächle. Ein feuerspeiendes sogar. Man muss nur wissen, wie man es zähmen kann.

Die Tür ist grau vor Rauch. Ich bezweifle, dass die Klimaanlage es schaffen wird, die Luft bis zum Morgen zu filtern. Doch das ist mir in diesem Augenblick egal. Der Präsentkorb sind auf ihrem Weg. Das ist das Einzige, was zählt.

Henry hat sich inzwischen wieder so weit beruhigt, dass ich ihn an die Rezeption stellen konnte. Sein Mund gerät ins Zucken, als er mich sieht, was man mit einigem Wohlwollen als ein Lächeln verstehen kann. Ich strecke meinen Daumen in die Luft, um Henry zu signalisieren, dass alles im grünen Bereich ist. Das Zucken bleibt.

„Wir bekommen den Präsentkorb“, sage ich.

Henry wendet sich ab. Er kratzt sich am Revers. Der Geruch von Fastfood liegt in der Luft.

„Alles in Ordnung?“, frage ich.

„Ja, klar. Was sollte denn sein?“, fragt Henry zurück und starrt angestrengt in die leere Lobby.

Mir fällt da so einiges ein. Trotzdem sage ich nur: „Der Korb ist bereits unterwegs. Wir müssen nur noch die Grußkarte austauschen.“

Er nickt, ohne mich anzusehen.

Das Telefon klingelt, und Henry greift zum Hörer.

„Airport Hotel Abraham Norton, was kann ich für Sie tun?“

Kurze Stille.

„Einen Moment, bitte“, sagt Henry und drückt die Stumm-Taste. „Es ist für dich.“

„Wer denn?“

„Mr. Fanlay.“

Ich nicke und nehme den Hörer.

„Leo.“

„Hallo Karen. Ich hab hier ein Problem, bei dem du mir vielleicht helfen kannst.“

Er klingt angespannt. Etwas, dass bei Lennard Fanlay trotz all dem Stress und der Hektik nur sehr selten passiert.

„Schieß los“, sage ich.

„Ich brauche einen Mandarin-Dolmetscher.“

„Puh …“, mache ich und überlege. „Jetzt?“

„So schnell wie möglich“, entgegnet Leo. „Ihr habt doch diesen Birmanen bei euch …“

„Mr. Khin, ja.“

„Der bringt doch sicher einen Dolmetscher mit.“

„Aber ob der auch Mandarin kann?“, frage ich. „Außerdem landen die erst morgen früh um acht Uhr irgendwas.“

„Morgen früh erst, ach so …“ Jetzt atmet auch Leo geräuschvoll aus.

„Aber die Stark Foundation hat zwei ihrer Leute geschickt, um ihren Geschäftspartner in Empfang zu nehmen“, sage ich. „Vielleicht kann von denen jemand Mandarin.“

„Kannst du sie fragen? Ich weiß, es ist spät …“

„Vor einer halben Stunde habe ich die beiden noch an der Hotelbar gesehen.“

„Danke, Karen.“

„Kein Problem.“

Auf der Straße hupt ein Lieferwagen.

„Du hast was gut bei mir“, sagt Leo.

„Das sowieso“, sage ich und lache. Es tut gut.

Ein erneutes Hupen. Vielleicht ist das bereits der Präsentkorb. Vielleicht parkt auch nur mal wieder jemand um halb auf der Straße. Was es auch ist, ich muss mich darum kümmern.

„Ich muss Schluss machen, Leo. Ich schick dir einen der beiden vorbei.“

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