Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 8

Duane Parker 

Der Typ hockt zusammengesunken hinter dem Metalltisch auf dem Metallstuhl. Er sitzt da wie ein Kaninchen im Käfig und schwitzt. Mit seinen blonden Schmalzlocken und dem aufgeknöpften Hemd sieht er aus wie ein Fotograf oder Modedesigner. Jemand mit einem Beruf, bei dem es nicht verkehrt ist, wenn ein Mann wie eine Tunte rumläuft.

„Warum werde ich hier festgehalten?“, fragt er, noch bevor ich die Tür hinter mir geschlossen habe.

Sie alle haben es eilig. Die Unschuldigen, weil sie zu Unrecht in diesen kleinen, fensterlosen Raum gesperrt wurden. Die Schuldigen, weil sie denken, dass man es von ihnen erwartet.

Ich krame ein Lächeln hervor – und schalte um auf Zeitlupe.

Ich schließe die Tür.

Ziehe mein Jackett aus.

Hole einen Baby Ruth Erdnussriegel aus der Innentasche.

Hänge das Jackett über die freie Stuhllehne.

„Ich habe ein Recht, zu erfahren, was mir vorgeworfen wird!“, jault der Typ.

Lege den Baby Ruth vor mir auf den Tisch.

Setze mich.

Räuspere mich.

Lehne mich vor.

Der Typ will zurückrutschen, doch die Stühle sind genauso wie der Tisch im Boden verschraubt.

„Ich bin amerikanischer Staatsbürger!“

„Hier drinnen …“, beginne ich. „Hier drinnen interessiert das niemanden. Das ist Parker-Land. Weißt du, was Parker-Land ist?“

„Wer sind Sie?“

„Ich bin Parker.“ Mein Lächeln wird breiter. Ich komme langsam in Fahrt. „Und das hier ist mein höchstpersönliches kleines Königreich.“

Der Typ glotzt mich nur verstört an.

„Was hast du genommen?“, frage ich, weil das immer ein guter Gesprächseinstieg ist.

„Was …?“

„Koks, Amphetamine, Meth? Mir kannst du‘s erzählen. Wir sind hier ganz unter uns. Also … was war‘s?“

„Ich … ich nehme keine Drogen“, erwidert der schwitzende Scheißkerl und schafft es dabei sogar, pikiert auszusehen.

„Wir kriegen es sowieso raus. Wir krempeln dich einmal komplett auf links.“ Ich packe mein Lächeln zurück in die Schublade und werde vertraulicher. „Du hast hier ein gottverdammtes Chaos angerichtet, mein Freund. Und wenn ich herausfinde, dass du nichts weiter als ein verjunkter Spinner bist, der witzig sein wollte … dann ramme ich dir meinen Fuß so tief in deinen Arsch, dass du an meiner Schuhspitze lecken kannst.“

Schmalzlocke sieht aus, als würde er sich gleich in die Leinenhosen pissen.

Ich lehne mich zufrieden zurück und reiße den Baby Ruth auf. Ich mag es, wenn die Fronten geklärt sind. Das Cellophanpapier knistert.

„Warum wolltest du verhindern, dass die Maschine startet?“, komme ich gleich zum interessanten Teil.

„Das wollte ich doch gar nicht.“

Ich kaue genüsslich. Karamell-Fäden kleben zwischen meinen Zähnen. „Was dachtest du denn, was passiert, wenn du rumläufst und Bombe, Bombe! schreit?“

„Aber ich …“ Der Typ sieht mich an. „Das habe ich Ihrem Kollegen doch schon alles –“

Meine Hand knallt auf die Tischplatte. „Es ist mir scheißegal, was du Fanlay erzählt hast! Jetzt redest du mit mir!“

Er rutscht vor Schreck fast vom Stuhl.

Ich schiebe den Rest des Erdnussriegels in meinen Mund und werfe die Verpackung als kleinen Ball auf den Tisch. Der Zucker beruhigt mich.

„Also … warum?“

Sein Blick irrt durch das Verhörzimmer wie ein gehetztes Tier. „Da waren diese beiden Piloten …“

Ich winke ab. „Kenne ich schon, interessiert mich nicht. Ich will den wirklichen Grund wissen.“

„Aber –“

„Den wirklichen Grund.“

„Das ist –“

„Den Grund!“

„Es gibt keinen anderen! Ich muss morgen Abend in Singapur sein, ich habe da ein Shooting, ich bin Modefotograf!“, sprudelt es aus ihm heraus.

Und ich denke: Bingo, Fotograf, wusste ich es doch.

„Warum sollte ich den Start verhindern wollen?“, fragte Schmalzlocke und wischt sich über die Stirn.

„Dieses Video … Gehen wir mal davon aus, dass es tatsächlich existiert.“

„Ihr Kollege hat es.“

„Warum hast du das Gespräch überhaupt aufgenommen?“

Er verlegt sich wieder aufs Glotzen.

Ich nutze die Zeit, greife hinter mich und taste die Taschen meines Jacketts ab. Sie sind leer. Keine Baby Ruths mehr.

„Warum hast du die Piloten gefilmt?“, frage ich. „Und sag jetzt nicht: Einfach nur so.“

„Ich … ich weiß es nicht. Das Telefon ist neu. Ich habe nur ein bisschen rumgefilmt.“

„Nur ein bisschen rumgefilmt?“

Er nickt.

„Woher kannst du überhaupt Chinesisch?“

„Meine Verlobte kommt aus China.“ Er schlägt die Augen nieder.

„Und deshalb kannst du auch Chinesisch, oder was?“

„Ich habe Kurse genommen.“

Die Tür wird geöffnet.

„Mr. Parker?“, fragt Stanley.

Ich drehe mich zu ihm um. „Was ist denn?“

„Kann ich Sie kurz stören?“

Hast du Idiot doch bereits, denke ich und stehe auf.

„Wir machen das gleich noch mal“, sage ich zu dem schwitzenden Typen hinter dem Metalltisch. „Wir fangen noch mal ganz von vorne an. Und dann solltest du ein paar bessere Antworten parat haben.“

„Ich habe nichts –“

Das harte Klacken des Türschlosses erlöst mich von seinen Unschuldsbeteuerungen.

„Sie haben die Maschine geräumt“, sagt Stanley draußen und tippt auf sein Klemmbrett. „Die Piloten wurden festgenommen. Es gab keine Zwischenfälle.“

Die erste gute Nachricht der Nacht. „Hat man was gefunden?“

Stanleys Kopfschütteln ist die zweite. „Bislang nicht. Die Sprengstoffhunde sind aber noch drinnen.“

Vielleicht muss das Ganze ja doch nicht im Desaster enden, denke ich.

„Wohin bringen sie die Piloten?“

Er nennt mir eine bekannte Adresse. „Inspektor Bailey hat die Leitung.“

„Dann wäre ja erst mal alles geklärt“, sage ich und wende mich zum Gehen.

„Was ist mit ihm?“ Stanley zeigt auf die weiße Metalltür.

„Manngard soll übernehmen.“

„Hat er was mit der Sache zu tun?“

„Wenn ich das wüsste, bräuchte ich weder Sie noch Manngard!“

„Und wohin gehen Sie jetzt?“, ruft er mir hinterher. Die Frage kostet ihn wahrscheinlich einiges an Überwindung.

„Nach Hause. Ich habe seit acht Stunden Feierabend.“

Ich biege um die Ecke, und Stanley verschwindet aus meiner Gedankenwelt.

Auf dem Parkplatz, als ich in den Wagen steige, vergesse ich auch den Rest.

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