Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 9

Lennard Fanlay 

„Es ist schwer, das eins zu eins zu übersetzen“, sagt der Dolmetscher, den Karen besorgt hat. Der Mann heißt Grant. Er ist reichlich angetrunken und scheint sich weniger für unsere Aufnahme als mehr für Rachel zu interessieren, die unschlüssig in der Tür meines Büros lehnt. Doch die Uhr in der Ecke des Computermonitors verrät mir, dass es weit mehr ist, als ich um diese Zeit erwarten kann.

„Versuchen Sie es bitte trotzdem“, sagt Marc.

Grant sieht ihn an, als habe er ihn gerade erst entdeckt. „Kann ich … kann ich den Satz noch mal hören?“

Ich ziehe mit dem Mauszeiger den kleinen Balken ein Stück nach links und klicke auf Play. Die beiden Piloten gehen durch das Gate. Das Bild ist gestochen scharf, die Kameraführung erstaunlich ruhig. Aus den Boxen ertönt die Stimme des größeren Piloten. Es klingt für mich wie Koreanisch, aber das tut es bei allen asiatischen Sprachen.

Ich versuche, die Aufnahme am Ende des Satzes zu pausieren, was allerdings schwierig ist, wenn man keine einzige Silbe versteht.

Grant kneift die Augen zusammen und leckt sich über die Lippen, als hätte er gerade einen exquisiten Wein probiert. „Er fragt so etwas wie: Ist alles in Ordnung?“

Marc notiert den Satz auf seinem Notizblock, und ich drücke auf Play.

Die Piloten gehen nebeneinander her. Wir hören Schritte, Stimmengemurmel, dann wieder der Größere der beiden.

Grant setzt seine Weinkenner-Miene auf.

„Das Mandarin ist eine sehr komplexe Sprache.“

Er präsentiert zwei weiße Zahnreihen und dreht sich zu Rachel um, welche jedoch nicht besonders beeindruckt aussieht. Ich frage mich, warum sie hier ist. Vielleicht ist die Luft im Überwachungsraum sogar für sie unerträglich geworden. Vielleicht war ihr auch einfach nur langweilig. Die Spezialeinheit ist abgerückt, das Terminal wie ausgestorben. Die Spürhunde sind noch im Flugzeug, aber dort haben wir keine Kameras.

Ich setze mein geduldigstes Lächeln auf und sage: „Versuchen Sie es bitte trotzdem, Mr. Grant. Jeder Hinweis ist von Bedeutung.“

„In Ordnung.“ Er nickt und rollt die Lippen. „Ehrwürdiger Yun-Fat, das ist anscheinend der Familienname des Großen, ist es serviert?“

„Serviert?“, fragt Marc und schaut von seinen Aufzeichnungen auf.

„Oder auch: Ist es gepflanzt?“, entgegnet Grant. „Ohne Informationen über die genaue regionale Herkunft des Sprechenden, kann ich das leider nicht eingrenzen.“

Ich lasse die Aufnahme weiterlaufen.

Eine andere Stimme ist zu hören. Kurz und hart. Der kleinere Pilot.

„Das ist recht eindeutig“, verkündet Mr. Grant bei der nächsten Pause. „Schweig! Oder auch: Halt den Mund!

Das passt, denke ich. Genau danach sieht es auch aus. Nach einer Zurechtweisung.

Ich spiele den letzten Satz der Aufnahme ab.

Es ist erneut der Größere. Er wirkt eingeschüchtert, fast verängstigt, doch trotzdem kann er seinen Mund nicht halten. Seine Stimme ist sehr leise.

„Bitte noch mal.“ Grant lehnt sich vor.

Ich spule zurück und drehe die Boxen voll auf. Ein Rauschen brandet in mein kleines, fensterloses Büro. Dann die dünne Stimme.

Ist die Ladung an ihrem Platz?“, übersetzt Mr. Grant.

„Ladung wie Sprengladung?“, fragt Marc.

„Möglicherweise …“ Grant wiegt seinen Kopf hin und her, als würde er ein Bouquet beurteilen. „Aber auch jede andere Art von Ladung.“

„Könnte man aufgrund dieses Satzes davon ausgehen, dass eine Bombe gelegt wurde?“

Grant verzieht das Gesicht, als hätte er in seinem Weinglas ein Stück Kork entdeckt. „Aber nur, wenn Ihre Mandarin-Kenntnisse äußerst lückenhaft sind.“

Das Rauschen geht in ein Rascheln über und verstummt. Der Bildschirm wird schwarz. Die Aufnahme ist zu Ende.

Das war‘s also, denke ich. Mehr wird uns das Video nicht preisgeben. Zumindest nicht heute Nacht. Ich weiß nicht, was genau ich erwartet habe. Ich weiß nur, es war mehr als das.

„Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben“, sage ich.

Grant lächelt gütig. „Keine Ursache.“

Plötzlich habe ich eine Idee. „Worum geht es bei dem Treffen morgen eigentlich genau?“

„Um die Vergabe von Öl-Lizenzen. Hunderte Millionen Dollar schwer. Bis gestern Morgen wussten insgesamt nur vier Menschen auf der ganzen Welt davon, dass dieses Treffen stattfinden würde.“

Er dreht sich ein weiteres Mal um, doch Rachel ist nicht mehr da. Wahrscheinlich, weil sie hier nicht rauchen darf. Vielleicht ist Grant auch einfach überhaupt nicht ihr Typ. Beides würde mich nicht wundern.

„Warum diese Sicherheitsvorkehrungen?“, frage ich.

„Wegen der Konkurrenz. Was glauben Sie, wer alles auf die Bohrungsrechte scharf ist? Vor allem China sieht seine Felle davonschwimmen, seit Birma seine Demokratisierungsprozesse voranbringt.“

„Sie befürchten also, dass jemand versuchen könnte, das Treffen zu verhindern.“

„Indem man eine Bombe legt?“ Grant lacht. Eine Spur zu laut für meinen Geschmack.

„Ich nehme an, Ihre Firma hat das Airport Hotel nicht nur aufgrund der günstigen Lage ausgesucht.“

„Da gab es sicher viele Gründe.“

Grant wirkt auf einmal ziemlich nüchtern. Auch die Weinkenner-Miene hat er abgelegt.

„Zum Beispiel, dass ein Flughafen ein extrem hohes Maß an Sicherheit bietet.“

„Worauf wollen Sie hinaus? Was wird das hier eigentlich? Ein Verhör?“

„Nein, natürlich nicht. Bitte entschuldigen Sie.“ Ich lehne mich zurück und falte die Hände. „Sie haben uns sehr geholfen. Marc, würden Sie Mr. Grant bitte zurück ins Hotel bringen?“

„Ich finde mich schon zurecht“, entgegnet Grant und steht auf. Er geht, ohne weitere Worte zu verlieren. Anscheinend bin ich ihm irgendwie auf die Füße getreten.

Als er am Ende des Flurs verschwunden ist, wende ich mich dem Monitor zu, speichere eine Kopie der Aufnahme auf meinen Desktop, ziehe die Speicherkarte des Smartphones aus dem Computer und lasse sie in meine Tasche gleiten.

Marc sieht mich erwartungsvoll an.

„Wenn irgendwas ist, ich bin auf dem Handy zu erreichen“, sage ich und stehe auf.

Marcs Gesichtsausdruck wechselt zu fragend.

„Das ist ein Beweisstück“, sage ich und klopfe auf meine Jackettasche. „Ich bringe es zur Polizei.“

„Ein Beweisstück, das nichts beweist“, entgegnet Marc.

Er wirkt enttäuscht.

Der Junge muss noch immer vieles lernen.

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