Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 10

Karen Donell 

Sie sehen aus wie eine Reisegruppe.

Eine Reisegruppe, die von der Bucht zurückkommt und feststellen musste, dass der dichte Morgennebel von der Golden Gate Bridge nicht mehr übriggelassen hat als schwarze Schemen in grauer Soße.

Das Foyer füllt sich, und ich denke: eine ziemlich große Reisegruppe.

Ich sehe mich um in der Hoffnung, Henry, der vor zwanzig Minuten mal kurz weg musste, irgendwo zwischen all den Köpfen zu finden. Niemand spricht, weder mit mir, noch untereinander. Schweigend rücken sie bis zu den Fahrstühlen auf, sodass jeder Platz findet. Es sind auffallend viele dunkle Anzüge dabei, und ich denke: Vielleicht hat es was mit dem Wirtschaftstreffen zu tun – auch wenn das nicht zuletzt wegen der nächtlichen Uhrzeit eigentlich keinen Sinn ergibt.

Drei uniformierte TSA-Beamte bilden den Abschluss der Gruppe, und das Bild verändert sich grundlegend. Die deprimierte Reisegruppe verwandelt sich in einen Gefangenentransport, wobei der Unterschied in den meisten Fällen ohnehin nicht besonders groß ist.

„Sie müssen diese Leute irgendwo unterbringen“, verkündet einer der Uniformierten, noch bevor er die Rezeption erreicht hat. Sein Namensschild weist ihn als M. Jennings aus. „Mir ist es egal, wie Sie das fertigbringen, aber machen Sie es schnell!“

Ich erinnere mich an das viele Blaulicht auf dem Parkplatz und frage: „Ist etwas passiert?“

„Der Nachtflug nach Shanghai musste auf morgen früh verschoben werden.“ Er sieht mich an, als wäre es meine Schuld. „Der Transitbereich ist noch nicht wieder freigegeben, und Sie können diese Leute ja wohl kaum auf dem Boden schlafen lassen!“

„Um wie viele Personen handelt es sich denn?“, frage ich, obwohl mir schon ein flüchtiger Blick ins Foyer ein Zu viele als Antwort entgegenschmettert.

Jennings stößt ein kurzes Lachen aus, das irgendwie nach Verzweiflung klingt. „Na, alle natürlich! Was dachten Sie denn?“

Ich verkneife mir eine Antwort und wende mich dem Monitor zu.

„Sie können von Glück reden, dass die meisten Passagiere in San Francisco wohnen. Sonst wären es doppelt so viele!“

„Auf welche Uhrzeit wurde der Flug verlegt?“, frage ich.

„Das weiß ich doch nicht!“, blafft Jennings. Einer seiner Begleiter flüstert ihm etwas ins Ohr und er fügt hinzu: „Sieben Uhr dreiundvierzig.“

Auch wenn wir alles andere als ausgebucht sind, ist die Lage eigentlich hoffnungslos. Zu allem Überfluss ist eine unsere Suiten durch eine Leckage geflutet und die andere bereits für Mr. Khin vorbereitet.

„Ich kann Ihnen da nichts versprechen“, sage ich.

„Ihr Boss hat uns bereits zugesichert, dass das kein Problem ist“, entgegnet Jennings in einem Ton, als wäre es mein persönliches Anliegen, sein Vorhaben zu sabotieren.

Seine beiden Kollegen teilen diese Auffassung offensichtlich.

„Ich tue, was ich kann“, sage ich und wende mich wieder dem Bildschirm zu.

„Hauptsache, Sie beeilen sich! Diese Leute warten schon viel zu lange darauf, dass sich endlich jemand um sie kümmert.“

Ich will gerade eine passende Antwort geben, doch da bahnen sich die drei bereits ihren Weg durchs Foyer.

Und lassen mich zurück mit all den Menschen, denen beim zweiten Blick der Schock nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben steht.

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