Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 5

Duane Parker 

Blaulicht flackert über den Parkplatz des Abraham Norton. Ein Dutzend Streifenwagen, beinahe genauso viele Krankenwagen und zwei komplette Löschzüge. Weiter hinten stehen die Kastenwagen der Spezialeinheiten und des Sprengstoffkommandos. Alle sind sie da. Glänzend und strahlend. Der Ball hat bereits begonnen.

Ich parke meinen Cadillac Escalade direkt beim Seiteneingang und wuchte mich aus dem Wagen. Bis zur Tür sind es kaum zwanzig Meter. Trotzdem schnaufe ich wie ein Walross auf Landgang, als ich meine Zugangskarte an den Kartenleser halte. Verdammtes Übergewicht.

Stanley wartet schon auf mich. Er sieht aus, als hätte er versehentlich meinen Hund überfahren. Oder höchstpersönlich die Bombe gelegt.

„Das SFPD ist bereits vor Ort“, sagt er und schaut auf ein Klemmbrett. „Die Rettungskräfte –“

„Weiß ich schon“, kürze ich die Aufzählung ab und stampfe an ihm vorbei. „Erzählen Sie mir etwas, das ich noch nicht weiß!“

Stanley folgt mir humpelnd durch die weit verzweigten Gänge der TSA-Zentrale. Zwei Kugeln aus einer Uzi haben seinen linken Oberschenkelknochen durchschlagen. Sein Bein ist seitdem steif.

Es war mein Fehler.

Ich hasse ihn dafür.

„Die Spezialeinheit bereitet sich vor, das Flugzeug zu stürmen, Sir“, verkündet mein humpelndes Schuldgefühl.

„Gut“, grunze ich. „Wenigstens gibt es dann keine tagelange Geiselnahme.“

Stanley schaut zu mir hoch, als hätte ich einen fahren lassen.

Scheiß drauf. Geiselnahmen sind das Schlimmste. Dein Untergang. Die Live-Bilder, die tränenreichen Interviews der Überlebenden, die unzähligen Talk-Runden über das Wie und Warum. Bei Geiselnahmen kannst du nur verlieren. Da kommt niemand sauber raus. Dann doch lieber eine Explosion. Lieber 50 Tote in einer Sekunde als ein Toter nach 50 Stunden quälend langer Berichterstattung.

„Die Maschine ist fast leer. Nur der Pilot und der Erste Offizier sind noch an Bord.“

„Was ist mit den Passagieren?“

„Die wurden bereits herausgeholt.“

„Von wem?“

Er antwortet nicht sofort.

„Mr. Fanlay.“

Ich bleibe so abrupt stehen, dass Stanley in mich hineinhumpelt. Es gibt ein kurzes Klong, als sein Kopf gegen das Klemmbrett schlägt.

„Wer hatte die Leitung?“

„Jennings, Sir“, sagt Stanley und reibt sich die Stirn, wo das Klemmbrett einen roten Abdruck hinterlassen hat.

„Ich will ihn sehen! In meinem Büro! Sofort!“

Er zückt einen Kugelschreiber und macht sich in aller Seelenruhe eine Notiz. Und ich spüre, wie heiße Wut in mir emporkocht.

Ich stampfe weiter. Werde schneller. Ich will Stanley abhängen. Ich will ihn spüren lassen, dass er ein Krüppel ist. Ein Behinderter, der selbst im Innendienst zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Doch sogar ein Invalide mit einem steifen Bein kann mit meinem Tempo mithalten. Verdammte Schokoriegel, verdammte Baby Ruths. Ich werde wieder langsamer und massiere mein Brustbein. Das Stechen bleibt.

An der nächsten T-Kreuzung treffen wir auf Stuart Hoppen, dessen pure Anwesenheit wahrscheinlich Schlimmeres verhindert.

„Guten Morgen, Sir“, sagt er, obwohl es noch nicht einmal zwei ist, und wir Lichtjahre entfernt von gut sind.

„Guten Morgen“, entgegne ich trotzdem.

„Mr. Terry sitzt bereits im Verhörzimmer. Er behauptet, es gäbe eine Video-Aufnahme des Gesprächs zwischen den beiden Piloten.“

„Das ist der Kerl, der die Bombe gemeldet hat?“, frage ich.

Stuarts Granitkinn ruckt kurz hinab. „Bislang hat niemand mit ihm gesprochen. Ich dachte mir, dass Sie das gerne selbst übernehmen würden.“

Wenigstens einer, der mitdenkt. Wir marschieren weiter.

„Wo ist diese Aufnahme jetzt?“, frage ich.

„Fanlay hat sie!“, krakeelt Stanley von hinten.

Stuart lässt sich etwas zurückfallen, wofür ich dankbar bin, weil er so nicht versehentlich ins Schussfeld geraten kann.

„Ich kümmere mich höchstpersönlich darum, Sir!“, verkündet Stanley und schließt wieder zu mir auf. „Sie können sich voll und ganz auf mich verlassen.“

„Es ist mir scheißegal, wer sich darum kümmert!“, blaffe ich. „Ich will dieses Video! Und ich will alles über den Kerl wissen, der es gedreht hat! Machen Sie einen umfassenden Background-Check! Wenn Sie damit nicht schon längst begonnen haben.“

Sein Schweigen verrät mir, dass dem nicht so ist.

„Womit verdient er sein Geld? Wofür gibt er es aus? Hat er Vorstrafen? Ist er gläubig? Wenn ja, woran glaubt er? Ist Mitglied einer politischen Vereinigung? Selbst wenn er einem Buchklub angehört, will ich das wissen!“

Stanley schreibt alles auf, was sich beim Gehen als recht schwierig erweist. Auch ohne steifes Bein. Ich frage mich, was der Kerl neuerdings mit seinen Notizen hat, und ein frischer Schwall Hass sprudelt in mir hinauf. Die Kugel hat ihm doch den Oberschenkel zertrümmert, nicht den Kopf!

Vielleicht wäre es andersherum besser gewesen.

Ich beschleunige abermals, bis mein Atem rasselt. Unser Rennen endet vor einer weißen Metalltür mit vergittertem Fenster.

„Geben Sie es rein, wenn Sie etwas haben!“, sage ich und rücke meine Krawatte zurecht.

Knapp unterhalb der Decke nickt Stuart, und ich hake den Punkt in Gedanken ab, weil auf Stuart Verlass ist.

Ich atme einmal tief durch. Dann halte ich meine Zugangskarte gegen den Leser.

Die Metalltür springt mit einem Klacken auf.

Musik setzt ein. Der erste Tanz beginnt.

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