Terminal 3: Was im Verborgenen liegt von John Beckmann, Ivar Leon Menger

Terminal 3: Kapitel 6

Lennard Fanlay 

Wir haben Glück. Es dauert keine zehn Minuten, bis Marc die beiden aufgetrieben hat. Ihre Namensschilder stellen sie als Jessica und Joan vor. Roter Blazer, weiße Bluse, roter Rock. Hochtoupierte Haare, bunte Schminke. Wäre Jessica nicht blond und Joan brünett, könnte man sie beinahe verwechseln.

„Bitte entschuldigen Sie die Umstände“, sage ich. „Hier geht gerade alles etwas drunter und drüber.“

Die Gesichter der beiden sagen: Das macht doch nichts. Doch ich sehe, wie ihre Blicke immer wieder zu den Absperrungen und den TSA-Beamten hinüberhuschen.

Jessica erscheint mir etwas pfiffiger, deshalb wende ich mich an sie, als ich sage: „Wir haben ein kleines Problem, bei dem wir Ihre Hilfe benötigen.“

Ihr Lächeln bleibt geschäftsmäßig. „Worum geht es?“

„Das System hat die falschen Gepäckbanderolen ausgedruckt. Einige der Koffer, die für Shanghai bestimmt sind, wurden versehentlich in die Acht-Uhr-Maschine nach Auckland verladen.“

Jessica verzieht das Gesicht. „Oh …“

„Zum Glück ist das noch rechtzeitig jemandem aufgefallen. Wir haben alle Koffer zur Gepäckentnahme gebracht, so dass die Passagiere sie identifizieren können. Was ich jetzt von Ihnen möchte, ist, dass Sie Kontakt zu den Flugbegleitern aufnehmen und ihnen sagen, dass alle Passagiere das Flugzeug noch einmal verlassen müssen. Die Kabinencrew soll ebenfalls herkommen, um bei der Identifizierung zu helfen. Niemand außer den Piloten darf an Bord bleiben. Haben Sie das verstanden?“

Jessicas Lächeln ist verschwunden. Sie sieht auf einmal ziemlich alt aus. „Warum brauchen Sie uns dafür? Da vorne ist ein Telefon.“ Sie zeigt auf den Schalter bei der Bordkarten-Kontrolle. „Rufen Sie im Flugzeug an und sagen Sie es ihnen selber.“

„Wenn ich es könnte, würde ich es tun. Aber es geht leider nicht.“ Weil wir nicht wissen, auf welcher Seite das Kabinenpersonal steht, füge ich in Gedanken hinzu. „Deshalb brauchen wir Ihre Hilfe.“

„Ist das …“ Jessica senkt die Stimme. „Ist es gefährlich?“

Das Zögern ist kurz, doch lang genug, um als Antwort zu gelten.

„Nein“, sage ich, als es schon fast zu spät ist. „Es ist nicht gefährlich.“

„Was ist hier eigentlich los?“, schaltet sich Joan ein. Diesmal schaut sie ganz offen zu den TSA-Beamten hinüber. Es werden minütlich mehr.

„Es gab einen Computerfehler, weshalb die Gepäckbanderolen vertauscht wurden“, entgegne ich ruhig. „Deshalb bitte ich Sie, Jessica, jetzt der Crew Bescheid zu sagen, während Sie, Joan, am Eingang des Gates die Passagiere mit ihrem freundlichsten Lächeln darum bitten, sich hinter das Absperrband zu begeben.“ Ich schaue die beiden nacheinander an. „Können Sie das für mich tun?“

Beide nicken. Beinahe synchron. Besonders glücklich sehen sie dabei nicht aus.

„Hoffen wir, dass das klappt“, sagt Marc, als die rot-weißen Damen außer Hörweite sind. „Was machen wir, wenn nicht alle Passagiere dem Aufruf folgen?“

„Keiner möchte, dass sein Koffer nach Neuseeland fliegt“, entgegne ich. „Und nach Shanghai fliegt niemand nur mit Handgepäck“, füge ich hinzu, obwohl ich weiß, dass man bei so etwas nie sicher sein kann. Es sind schon Leute ohne Hose zu ihrer Weltreise aufgebrochen. Aber was bleibt uns schon anderes übrig?

Hinter den Glaswänden geht Jessica zum Schalter und nimmt den Hörer ab. Die TSA-Beamten auf der anderen Seite glotzen ihr verdattert nach, unternehmen jedoch nichts. Mein Herz schlägt plötzlich bis zum Hals.

128, denke ich. 128 Passagiere. Plus Crew.

Ich sehe, wie sich Jessicas Mund bewegt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Wenn es ein Fehler war, folgt jetzt die Katastrophe. Wenn ich die Situation falsch eingeschätzt habe, dann geht mein Name in die Geschichtsbücher ein. Als der Mann, der dafür verantwortlich ist.

Es dauert lange, bis etwas passiert. Sehr lange.

Marc wippt unruhig von einem Bein aufs andere. Ich hingegen versteinere.

Dann verlässt der erste Passagier die Schleuse. Drei weitere folgen dicht darauf. Joan nimmt sie in Empfang, weist ihnen den Weg. Keine Explosion, keine panischen Schreie. Nur das beruhigende Klacken von rahmengenähten Anzugschuhen auf Keramikfliesen.

„Sie haben‘s geschluckt“, sagt Marc und hat noch hörbar mit seinem eigenen Kloß im Hals zu kämpfen.

Angespannt zählen wir die Personen. Leises Murmeln. Als wir bei 125 angekommen sind, verlassen vier Stewardessen und zwei Stewards die Schleuse und schließen die Schiebetür hinter sich. Sie laufen die Mittelachse hinunter. Das Lied der Absätze verstummt.

„Drei Passagiere fehlen“, sage ich leise.

„Vielleicht haben wir uns verzählt“, sagt Marc. Es klingt nicht so, als glaube er daran.

Schwere Stiefel zertrampeln die Stille. Männer in schwarzen Kampfanzügen und Sturmhauben. Sie tauchen unter dem Absperrband hindurch und kommen näher. In ihren Händen tragen sie Maschinenpistolen. Die Kavallerie ist da.

„Kommen Sie“, sage ich zu Marc. „Wir haben getan, was wir konnten.“

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