Zwienacht von Raimon Weber, alle 37 Kapitel kosten insgesamt € 2,59.

Zwienacht: Kapitel 1

Den Fünften strangulierte und erschlug ich im Osten. In Demut vor meiner ungeheuren Aufgabe. (Der Reisende, R. Kenning)

Spätsommer

Unter den geschlossenen Lidern huschten die Augen hin und her. Gesang weckte ihn. Er öffnete die verklebten Lippen und ächzte heiser. Es war schwül, die Luft fühlte sich klebrig an. Durst! 

Niemals in seinem Leben war er durstiger gewesen. Er versuchte sich aufzurichten, aber die Muskeln wollten nicht gehorchen. Für Sekunden glitt er zurück in den Schlaf. Die hellen Stimmen drangen erneut in sein Bewusstsein. Richards müder und verwirrter Verstand suchte nach einer Erklärung. Hatte er vergessen, den Fernseher auszuschalten? Warum fühlte sich seine Matratze so hart an? War er etwa  auf dem Fußboden eingeschlafen?

Richard öffnete die Augen erneut und verstand nichts von dem, was er sah. Ihn umgab ein Halbdunkel unter Zweigen mit fleischigen Blättern, von denen ein moderiger Geruch ausging, der ihn würgen ließ.

Irgendwo in der Nähe wurde ein neues Lied angestimmt.

Richard kroch auf allen Vieren über den lehmigen Untergrund, zuckte instinktiv zurück, als sich die Spitze eines Zweiges in seine Wange bohrte und schrie auf, als ein weiterer, zurückschnellender Zweig sein Gesicht peitschte. Der Schmerz ließ seine Augen tränen. Die Tränen vermischten sich mit Schweiß. Er geriet in Panik, war völlig desorientiert, stieß halb blind winselnde Laute aus, rutschte auf den Knien hektisch weiter, beide Arme zum Schutz vor weiteren Angriffen des Gebüschs über dem Kopf verschränkt. Ein Kronkorken bohrte sich in sein Knie.

Dann war er frei, hockte im Licht und musste sich übergeben. Er würgte den Inhalt seines Magens mit solcher Vehemenz hervor, dass er trotz seiner Verwirrung befürchtete, irgendetwas in seinem Inneren könnte dabei zerreißen. Der Gesang geriet ins Stocken, einzelne Stimmen setzten aus, schließlich alle, bis auf eine, die anders … älter klang. Vielleicht zwei Sekunden lang intonierte sie noch inbrünstig das Lied von den Indianern und den Chinesen, die lesen lernen wollten, wie um die anderen wieder zum Mitsingen zu bewegen.

Stille.

Jemand sagte laut „Mein Gott!“, ein Mädchen rief „Iiih!“ und übergangslos war der Platz von wütendem Geschrei erfüllt.

Richard hob den Kopf und wischte sich mit den Fäusten übers Gesicht, um klarer sehen zu können.

Mindestens hundert Augenpaare starrten ihn an. Männer, Frauen und vor allem Kinder. Zwei Dutzend Jungen und Mädchen standen auf einem Podest. Vor ihnen eine einzelne Frau – graue Kurzhaarfrisur, hellblaues Kleid mit einem Schweißfleck, der sich entlang ihrer Wirbelsäule ausbreitete: die Lehrerin, die bis zuletzt so eifrig gesungen hatte.

Erst jetzt schien sie mitbekommen zu haben, dass etwas nicht stimmte und wandte sich um.

Richards benebelter Verstand begann stockend zu erfassen, an welchem Ort er sich befand. Die Sommerferien waren vorbei. Dies war eine Einschulungsfeier für Erstklässler. Mit Eltern, Oma und Opa und den älteren Schülern, die soeben ihr eingeübtes Willkommensständchen abgebrochen hatten.

Eine düstere Wolkenbank schob sich vor die Sonne und nahm allen Farben die Intensität. Von Osten her drang Donnergrollen.

Richard hatte keine Ahnung, wie er hierher gekommen war. Einige der Erwachsenen schienen ihm vertraut. Er entdeckte einen Fotografen der Lokalpresse, der ihn mit der Kamera ins Visier nahm. Plötzlich begann sich die ganze Szenerie wie ein Karussell langsam zu drehen. Richard versuchte mit den Augen einen festen Punkt – einen metallenen Müllkorb – zu fixieren.

„Ich muss krank sein“, krächzte er entschuldigend mit einer Stimme, die wie ein rostiges Scharnier klang. Endlich gelang es ihm schwankend aufzustehen.

„Und ob, du Schwein!“, bellte eine Stimme von links und ehe er sich zur Seite wenden konnte, traf ihn ein Tritt in den Unterleib. Richard knickte ein wie ein Klappmesser, seine vom jahrelangen Sitzen am Schreibtisch mürbe gewordenen Kniegelenke gaben dabei ein Geräusch wie trockenes Holz, das zerbricht, von sich. Mit beiden Händen umfasste er seine Genitalien, die sich in glutflüssiges Blei verwandelt hatten. Und erst jetzt, als der Schmerz den Nebel in seinem Kopf abrupt gelichtet hatte und er an sich heruntersah, um zu prüfen, wie viel Schaden er dort unten davongetragen hatte, stellte Richard fest, dass er nackt war.

Bis auf einen winzigen schwarzen Lederslip mit einer kreisrunden Öffnung, aus der sein schlaffes Glied baumelte. Wie etwas, das nicht zu ihm gehörte.

Der Donner grollte jetzt lauter. Und viel näher.

Richards Verstand nahm sich eine Auszeit, unfähig zu verstehen, was hier geschah.

Der untersetzte Kerl, der ihn getreten hatte, stand mit geballten Fäusten und bebenden Lippen vor ihm. Ein Regentropfen klatschte auf seinen Schädel. Der Mann fuhr sich beiläufig mit der Hand durch das schüttere Haar, ohne Richard aus den Augen zu lassen. Der Fotograf war jetzt bis auf ein paar Meter herangekommen und hob erneut seine Kamera für ein paar Nahaufnahmen.

„Ni… ni…, nicht“, stotterte Richard. Da ließ ein neuerlicher Donnerschlag den Tag erbeben. Fette Tropfen klatschten vereinzelt auf den Asphalt des Schulhofs.

„Ich rufe die Polizei“, schrillte eine Frauenstimme. Die Chorleiterin in dem verschwitzten Kleid musterte ihn aus sicherer Entfernung mit einem Blick, als sei Richard ein Mensch gewordenes Ekzem. In ihrer rechten Hand hielt sie ein Handy.

Richard fragte sich, ob das alles nur ein Albtraum sei, als er lautes Fauchen vernahm. Als würde heißer Dampf aus einem Kessel entweichen. Plötzlich war er von grellem, purpurweißem Licht umgeben. Als würde er direkt in das Innenleben eines Halogenstrahlers starren.

Dann sah, hörte und fühlte er gar nichts mehr.

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